Die Challenge ist schnell erklärt: 100km in 24 Stunden zu Fuß zurücklegen. Geht das? Diese Frage bereitete unserem Prof. Christian Dechêne zahlreiche schlaflose Nächte, seit er vor einigen Wochen vom Megamarsch in Köln erfahren hatte, der 100km von Brühl bis tief in die Eifel nach Nettersheim führt. „Meine Vorbereitung war ziemlich simpel: 5 Liter Flüssigkeit,20 Müsliriegel und jede Menge Blasenpflaster einfach in den Rucksack schmeißen und dann ab durch die Nacht.“

Am 23. September war es dann endlich soweit. Mit 1.199 anderen Wanderbegeisterten stand Prof. Dechêne mit Magnesiumtabletten und GPS-Gerät bewaffnet an der Startlinie am Heider Bergsee.  Um 16 Uhr ertönte dann auch planmäßig der Startschuss.

„Nach drei Kilometern traf ich den Jupp“, erzählt Prof. Dechêne. „Jupp schien mir kampferfahren zu sein und ich wollte ihn eigentlich nur fragen, wie er seine Pausen verbringt:  stehend, sitzend oder liegend. Nach drei Minuten war uns beiden klar: Wir ziehen das jetzt gemeinsam durch.“ Und so marschierten die zwei lustigen Wandersleute die ersten 20 Kilometer in strahlendem Sonnenschein, bis dann die Nacht über sie hereinfiel und 10 Stunden andauern sollte. Alle 20 Kilometer gab es einen Verpflegungspunkt, an dem der Vorrat an Bananen, Müsliriegeln und v.a. Wasser aufgefrischt werden konnte. Und weiter.

Ab 21 Uhr sahen die Beiden nur noch den Lichtkegel ihrer Kopflampen und kämpften sich durch unwegsames Gelände. Gegen 1 Uhr war dann der zweite Verpflegungspunkt erreicht, dieser glich bereits schon einem Lazarett nach dem Motto „The Walking Dead“. Kurz die Blasen versorgt und weiter.  „Bei km 60 schloss sich dann ein weiterer Gleichgesinnter dem Jupp und mir an und so zogen wir fortan zu dritt und zunehmend schweigend durch die Nacht.“, erinnert unser Professor sich.

Am letzten Verpflegungsstandort bei 78 km angekommen – es war bereits wieder hell – wurden zum letzten Mal die Füße begutachtet. Prof. Dechêne zog die Schuhe sofort wieder an. „Was sich mir da bot, war ein Bild des Grauens. Meine Füße bettelten bei jedem Schritt um Gnade, aber es war zu spät, um aufzugeben.“ Und so wurden noch die letzten 22 km abgespult, garniert mit ca. 1.600 Höhenmetern ins Herz der Eifel. Und tatsächlich: Kurz vor 12 Uhr war das Ziel in Sichtweite. „Um die 20-Stunden-Marke zu unterbieten, war sogar noch ein kleiner Zielsprint drin, danach floss nur noch Bier.“, beschreibt unser Prof. das Ende des Megamarsches. Nach und nach trudelten noch weitere Wanderer ein und am Ende hatten fast 200 Gleichgesinnte die Strapazen erfolgreich überstanden – was nebenbei bemerkt Veranstaltungsrekord ist.

Zugegeben: Es bleiben ein paar offene Fragen. Warum tut man sich so etwas an? Werden die Füße einem jemals verzeihen? Und was bleibt vom Megamarsch in Erinnerung? „Von den vielen Sportevents, an denen ich bislang teilgenommen habe, war dies ohne Zweifel der härteste Brocken. Aber genau das – den Kampf gegen die Müdigkeit, die Schmerzen und die Eifel gemeinsam mit super Kameraden überstanden zu haben – das macht es auch zu einer unvergesslichen Erfahrung.“ , resümiert Prof. Dechêne. Hoffen wir mal, dass seine Füße ihm irgendwann verzeihen, damit er bald wieder aufrecht im Hörsaal stehen kann. Aber wer ihn kennt, weiß: Nächstes Jahr steht er wieder am Start. Weggefährten sind herzlich willkommen. Jupp kommt übrigens auch wieder mit.

Renate Kraft