Beim Bundesschüler- und Studierendentreffen des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten an der EUFH in Rostock durfte ein Vortrag von Prof. Dr. habil. Robin Haring, Dekan des Fachbereichs Angewandte Gesundheitswissenschaften, nicht fehlen. Als EUFH-Dekan freute er sich natürlich ganz besonders darüber, dass rund 100 angehende Ergotherapeuten aus ganz Deutschland zu diesem Nachwuchstreffen gekommen waren.

Prof. Haring sprach zum Thema „Qualitätssicherung klinischer Evidenzproduktion in den Gesundheitsberufen“ – zugegebenermaßen ein nicht gerade eingängiger Titel. Doch wer Prof. Haring kennt, der weiß, dass er mit Leichtigkeit aus komplizierten oder kompliziert klingenden Sachverhalten spannende und sehr verständliche Vorträge macht. So auch dieses Mal.

Gesundheit ist heute der Jobmotor schlechthin und die Branche mit den höchsten Beschäftigungsraten überhaupt. Die demographische Entwicklung sorgt für einen immer weiter steigenden Bevölkerungsanteil älterer Menschen. Auch chronische Erkrankungen, mit denen Menschen manchmal noch jahrzehntelang leben, werden immer mehr. Umso wichtiger, denkt man, dass sie nach Methoden behandelt werden, denen ein echter Wirkungsnachweis und nicht eine bloße Wirkungsvermutung oder irgendeine Tradition zugrunde liegt. Doch das ist überraschenderweise relativ selten der Fall. Lediglich rund 20 Prozent aller medizinischen Interventionen liegt ein Evidenznachweis, also ein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis, zugrunde. In der Ergotherapie kann man davon ausgehen, dass die Zahl noch geringer ist.

Wir brauchen also offenbar dringend Evidenzproduktion, sprich wissenschaftliche Arbeit, in der Wirksamkeitsnachweise erbracht werden. Brauchen wir also mehr Forschung? Kaum, sondern mehr qualitativ hochwertige Forschung, mit reproduzierbaren Ergebnissen. Denn derzeit sind schockierende 80 Prozent der Forschungsergebnisse schlicht „Waste“, also Verschwendung, wie Prof. Ioannidis von der renommierten Stanford University es in seinem viel zitierten Paper „Why Most Published Reseach Findings are False“ sehr plakativ bezeichnet hat.

Reproduzierbar sollten Forschungsergebnisse grundsätzlich sein – wiederholte Untersuchungen sollten also unter identischen Bedingungen ein gleiches Ergebnis erbringen. Sehr oft ist genau das aber nicht der Fall. Prof. Haring stellte seinen Zuhörern einige Faktoren vor, die zu besserer Reproduzierbarkeit führen. Je größer zum Beispiel ein Sample, also die Zahl der untersuchten Patienten bzw. Fälle, desto unverzerrter voraussichtlich das Ergebnis. Es gibt aber viele Einzelfallstudien, die nachweislich in der so genannten Evidenzpyramide ganz unten angesiedelt sind, also am wenigsten verlässliche Evidenz produzieren.

Eine Lösung können Meta-Analysen sein, die Einzelstudien zu gleichen Sachverhalten miteinander vergleichen und so die mitunter verzerrten Effekte von Einzelstudien relativieren können. Für dieses wichtige Werkzeug zur Evidenzproduktion ist allerdings eine ausreichende Studienzahl unbedingte Voraussetzung.

Wichtig für gute Ergebnisse ist auch das Reporting bzw. die Frage, wie berichte ich eine wissenschaftliche Studie. Hierfür gibt es Leitlinien, die für vollständigere und übersichtlichere Berichte sorgen und damit Forschung besser machen. Nicht zu vergessen ist natürlich auch die Finanzierung wissenschaftlicher Studien. Wir wissen inzwischen um den relevanten Einfluss der Finanzierungsquelle auf das Studienergebnis. Insgesamt ist immerhin rund 15-20 Prozent der medizinischen Forschung industriefinanziert.

Die Lösung des Problems liegt nicht in mehr Forschung, denn es wird bereits sehr viel geforscht. Vielmehr sollte, so die Überzeugung von Prof. Haring, weniger aber dafür sauberer geforscht werden. Der neue Trend des „Team Science“ kann hier ein gangbarer Weg sein. Dabei arbeiten mehrere Forscher an einem gemeinsamen Paper und erhöhen so die Qualität ihrer jeweiligen Einzelstudien. Auch der Trend zu mehr „Open Science“ kann die Qualität verbessern. Forscher veröffentlichen dabei immer mehr nicht nur die Ergebnisse ihrer Untersuchungen, sondern auch Forschungsprotokolle über den Weg dahin. Im „Open Science Framework“ (https://osf.io/) können Forscher ihre Arbeitsschritte von der Forschungsfrage bis zur Publikation transparent machen. Auch hier liegt großes Potenzial für eine Verbesserung.

Die Gäste der Ergotherapie-Veranstaltung an der EUFH hatten durch Prof. Robin Haring Gelegenheit, in das noch recht junge Gebiet „Meta Research“, also Forschung über Forschung, hinein zu schnuppern. Für den Ergotherapie-Bereich gilt es nun, zunächst Forschungsnetzwerke zu gründen, um Wissenschaft und Forschung in der Ergotherapie voranzubringen. Ein erster Schritt in diese Richtung ist die kürzliche Gründung der Deutschen Gesellschaft für Ergotherapiewissenschaft (DGEW), in der Frau Prof. Dr. Breckenfelder von der EUFH bereits sehr aktiv ist.

 

Renate Kraft