Während des Bundesschüler- und Studierendentreffens des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten, das in diesem Jahr an der EUFH in Rostock stattfand, hielt Dr. Verena Blaas einen spannenden Vortrag zum Thema „Kindeswohlgefährdung – Anzeichen erkennen und handeln“. Sie stellte anhand zahlreicher Fallbeispiele verschiedene Formen von körperlicher Gewalt dar und gab den angehenden Ergotherapeuten aus ganz Deutschland Hinweise zum Erkennen von Kindesmisshandlung und zeigte mögliche Handlungspfade auf.

Dr. Blaas war von der Universitätsmedizin Rostock zur EUFH gekommen, wo sie am Institut für Rechtsmedizin arbeitet. Sie brachte ein unbequemes, aber sehr wichtiges Thema mit, das bei ihren Zuhörerinnen und Zuhörern auf großes Interesse stieß. In Studien gibt erschreckenderweise ein Viertel aller Kinder an, von Erwachsenen oft oder manchmal geschlagen zu werden. Misshandlungen von Kindern haben in den letzten Jahren immer weiter zugenommen. In 70 Prozent aller Fälle sind die Misshandler die leiblichen Eltern. Ansonsten kommen sie meist aus dem sozialen Nahbereich – der böse schwarze Mann, der im Gebüsch lauert, ist dagegen extrem selten. Die Misshandler kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Die Gründe sind vielfältig und können im Drogen- und Alkoholkonsum der Täter genauso liegen wie in überzogenen Erwartungen von Eltern an ihre Kinder.

Die Rechtsmedizin hat hier die Aufgabe, lebende Opfer zu untersuchen, was also so gar nichts mit den üblichen, vom Tatort her bestens bekannten Aufgaben zu tun hat. Das Institut, in dem die Referentin arbeitet, ist für den westlichen Teil von Mecklenburg-Vorpommern und damit für rund 880.000 Einwohner zuständig. Dazu sind neben wenig Ausrüstung wie einer Kamera vor allem ein gutes Bauchgefühl und alle fünf Sinne nötig. Die möglichen Formen der Gewalt reichen von körperlicher über seelische, die nur sehr schwer feststellbar ist, bis hin zu sexualisierter Gewalt oder Vernachlässigung, die sich zum Beispiel in mangelnder Pflege oder Ernährung äußert. Meist hat es die Kriminalmedizin mit Mischformen zu tun.

Die angehenden Ergotherapeuten erhielten gute Tipps, woran man Misshandlungen erkennen kann. Verdächtig sind verletzte Körperflächen, auf die ein Kind nicht so ohne weiteres dauernd fällt, also Knie, Handflächen oder Kopf. Hämatome sind bei Säuglingen, die noch nicht krabbeln, extrem ungewöhnlich und damit verdächtig, während ältere Kinder natürlich viel eher überall anecken und sich auf „normale“ Art Hämatome zuziehen. Dr. Verena Blaas mahnte ihre Zuhörer jedoch auch, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen, denn manchmal gibt es sehr ungewöhnliche Umstände zu berücksichtigen. Sie erzählte etwa von einem Fall, in dem ein Kind eine Blutgerinnungsstörung hatte. Als sein Vater ihm ein paar Mal auf den Rücken geklopft hatte, sah das sehr übel aus, hatte aber nichts mit Misshandlung zu tun. Daher empfahl die Referentin im Verdachtsfall immer eine professionelle Untersuchung, um ungerechtfertigte Beschuldigungen zu vermeiden.

Hegt ein Therapeut während der Arbeit mit Kindern einen Misshandlungsverdacht, so sollte er oder sie zunächst unbedingt ruhig bleiben, alles genau dokumentieren und sich dann, vielleicht auch im Austausch mit Kollegen überlegen, wie plausibel der Verdacht ist. Nach dem Bundeskinderschutzgesetz haben Therapeuten Anspruch auf Beratung durch eine erfahrene Fachkraft, zum Beispiel über das Jugendamt. Auf jeden Fall sei es, so die Referentin, immer sinnvoll, sich auf dem Gebiet kontinuierlich weiterzubilden.

Renate Kraft