• In der Kürze liegt die Würze, heißt es. Kurz und bündig, weniger ist mehr. Und auf keinen Fall mehr als fünf Wörter pro Bullet-Point! Oder waren es vier? Ein einziges wie bei Allround-Guru Steve Jobs? „Wie viel Text darf eine Folie?“ wird gefragt. „Wie viel ist Ihre Präsentation wert? Jeder Mensch muss Sprache und Schrift mühsam erlernen! … Emotionen, Bilder und Geräusche sind präsent! … Zu viel führt zu Langeweile! …“  (erfolgreichwirken.com) … Erfolgreiches Wirken verlangt, wie man aus dem Politikfernsehen weiß, eben Opfer. Mit Vorliebe leider solche der Inhalte zugunsten des Effekts. Erfolgreiches Wirken durch er-volk‑reiches Wir-ken. Ziel: Das Wir-Gefühl. Wir wollen sein ein einzig Volk! Nur, dass es beim alten Wilhelm Tell eben noch Pfeile statt Bullets waren. Wir spielen jetzt mal Präsentation! Und da (die geäußerte) Intelligenz bekanntlich antiproportional zur Anzahl der Mitglieder einer Gruppe ist – manche nennen das Schwarmintelligenz – wird bei den gehetzten Vortragsweisen wahrscheinlich keiner erfolg-reich. Eher ärmer. Im verzweifelten Versuch, sich mit etwas zu identifizieren, dem man sich in den fünf Minuten Foliensprint, die am allerwenigsten als Präsent präsentiert werden, sondern den armen Zuschauern wortwörtliche Schauer über den Rücken jagen, fremder nicht fühlen könnte.

Und dabei ist doch gleichzeitig „… eine Präsentation ein Theater! Der Mensch ist auf der Suche nach Unterhaltung! Wenn Sie es schaffen, Spannung zu erzeugen, werden Sie die Herzen gewinnen!“ (ebenfalls erfolgreichwirken.com). Die Schlacht um die Herzen – heutzutage immer nur eine Frage von Sekunden, in denen die digital ausgeleierten Aufmerksamkeitsfenster kurz geöffnet werden, um frischen Inhaltswind hineinzulassen, damit er den Kopf durchpusten und die Seele berühren kann? Hängt die Überzeugungskraft, jene mystische Macht der Massenmitreißer, wirklich nur von der Anzahl und Feuerkraft der Schüsse ab, mit denen sie ihre Bullet-Points auf die Stirn ihrer Zuhörer nageln, um ihnen die Botschaft im wahrsten Sinne des Wortes ins Hirn zu ballern? Ohne Fluss, ohne Zusammenhang, voll von Brüchen, Ellipsen, Sprüngen und Orientierungslosigkeit nach dem Vorbild der kargen Trümmerliteratur, die so traurig und leer auf dem weißen Papier wirkt wie die zerbombten Städte nach dem Krieg, den sie sprachlos zu beschreiben suchte? Ist das schön? Eine Ansicht:

[…]

Ist’s nicht genug, so könnt man fragen,
Mit Worten ins Gesicht zu schlagen?
Doch wird bar jeglicher Stilistik
Um jeden Preis ihr Wert zu Tand.
Mit Stil probt man hier bloß Ballistik,
Macht jede Syntax redundant.

[…]

  • Aus: Werbung – Literarisches Lamento. G. G. 2012.

Freilich: Form follows function. Der Zweck macht die Form. Das richtige Werkzeug für die richtige Arbeit. Und eine Präsentation dauert eben nicht lange. Ganz zu schweigen davon, dass in den verbreiteten Meeting-Marathon-Kulturen die Aufmerksamkeit der Zuhörer ebensowenig gesichert ist wie oft auch die Erkenntnisse, die ihnen bunt, bebildert und bedeutungslos vorgesetzt werden. Aber wie lange sollte man sich eigentlich Zeit nehmen, um einem Inhalt die Wertschätzung zuteil werden zu lassen, die er verdient? Damit man innehält und – dem Wortsinn nach – versteht. Steht, innehält, ruht und ihn auf sich wirken lässt. Diese Redewendung zeigt noch auf die in Vergessenheit geratene Technik, die Zeit zu dehnen, den Fluss der Bilder anzuhalten und den Augenblick zu nutzen, um tiefer zu verstehen. Und im Wirken finden wir wieder das wir. Wir kennen es nur kaum mehr.

Denn wie im Kurs „Selbstmanagement und Lernen“ an der EUFH und von Konfuzius gelernt: Es gibt kein Zeitmanagement. Die Zeit ist ein fieses kleines Ding, das sich nicht fassen lässt und desto weiter zu entfliehen scheint, je verzweifelter man es festhalten will. Man kann sie nicht managen. Sie ist weder planbar, noch vergleichbar, noch überprüfbar noch beeinflussbar durch Plan-Do-Check-Act. Deshalb ist Zeitmanagement höchstens eines: Selbstmanagement. Das Paradoxon, dass einem subjektiv das verheißte unendliche „Meer an Zeit“ zur Verfügung steht, wenn man sich fallen lässt und sich nichts mehr wünscht, am wenigsten, dass die Zeit schneller verginge, äußert sich in Erfahrungen wie durch oben beschriebene „gute“ Präsentationen oder beim Lesen eines guten Buches, wenn man plötzlich seinen Zerfallsprozess nicht mehr wahrnimmt, sondern im Augenblick lebt und – versteht. Die uralte Kunst, die heute in Dutzenden Philosophie-heute-, Achtsamkeits- und anderen viralen Textbündeln durch westliches Marketing wieder auflebt und deren Meisterschaft sich der Zeitgeist sehnlich zurückzuwünschen scheint, auf der Suche nach etwas, das er als verloren beklagt, ohne es jemals besessen zu haben – um es mit Proust zu sagen: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Nun – lange Rede, kurzer Sinn – hier ein Text aus Franz Kafkas Jugenderzählungen, der das obige Programm vertieft:

AUF DER GALERIE

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das – Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters. Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

  • Kafka, Franz: Auf der Galerie. In: 25 Erzählungen (German Edition) (Kindle-Positionen 12-27). Projekt Gutenberg-DE.

Die erstaunliche Bilanz: Wir zählen 13 Semikola, 29 Kommata, drei Gedankenstriche, ein Ausrufezeichen und – ganze ZWEI Punkte! Zwei Sätze sind es bloß, mit denen Kafka eine ganze Geschichte erzählt!

Mit welchem Ziel? Klaubt man die beiden monströsen Satzgebilde auseinander, tritt ein Bruch zwischen vielen Gegensätzen hervor – Schein und Sein, der Schmerz des Erschaffens und die Euphorie des Geschaffenen, Weiblichkeit und Männlichkeit, Traum und Realität, Tier und Mensch, Fron und Vergnügungssucht. Die Parabel ist wie alle Parabeln Kafkas nicht geradlinig deutbar und jeder mag etwas anderes darin finden. Was sie jedoch zeigt: Man kann mit Sprache mehr anstellen, als sie als Munition zu gebrauchen, um neue Einschusslöcher auf die glatte Stirn teilnahmsloser Zuschauer zu schießen! Man könnte hier sagen: In der Kürze liegt die Würze, ja, aber – in der Länge liegen Klänge. Sie liegen zudem nicht nur herum, sondern erklingen voller Harmonie in den Ohren des Adressaten, der ruht, um sie zu vernehmen. In der Ruhe liegt eben auch die Kraft. Und welche Kraft die beiden Sätze haben!

In sechzehn Stichworten nach dem amerikanischem 4×4-PowerPoint-Prinzip lässt sich jedenfalls kaum ein komplizierteres stilistisches Mittel verarbeiten als die immer gleichen Repetitionen und Parallelismen. Darin liegt aber keine Schönheit. Im Gegenzug spürt der Erzähler in obiger Parabel die Schönheit seiner Betrachtung, obwohl er sie nicht zu deuten vermag. Auch, wenn sie ihm keine Informationen gibt, die er wirtschaftlich verwerten kann. Aber er spürt etwas, er spürt nämlich eine Berührung, die ersehnte Rührung seiner Seele. Er spürt, dass er in diesem Augenblick, in dem er verharrte und der Kunstreiterin andächtig zusah, reicher geworden ist. Und er beginnt zu weinen, ohne es zu wissen.

Da sich das Ziel der Parabel schon nicht eindeutig bestimmen lässt, was ist dann wenigstens das Ziel dieses Aufsatzes gewesen? Es ist die Bitte um weniger Schießereien beim Vortragen. Weniger Einschusslöcher, weniger Bullet-Points. Die Bitte um mehr Mühe, Herz und längeren Atem beim Verfassen von Präsentationen, die ja schließlich Herzen erreichen sollen. Nicht mit der Absicht, zu erschießen, sondern zu erschließen. Schlussendlich ist es ja das, was erreicht werden soll. Vielleicht lohnt es sich, über alternative Mittel nachzudenken. Wenn man dann, ohne je die PowerPoint-Trommel mit Patronen gefüllt zu haben, wirklich in die Herzen seiner Zuhörer getroffen hat, wird man es schon merken. Bullet Points sind nicht schlecht. Aber die Waage könnte auch mit lohnenden Ergebnissen wieder zur echten Sprache verschoben werden, die mit Hingabe geschrieben wurde und trotzdem alle Informationen – und mehr – vermittelt:

„Ohne Akzent gibt es kein Leben. Der Takt wird monoton und auszehrend. Musik ohne Akzent fehlt Zusammenhang und Bewegung wird ziellos, wenn es keine Impulse gibt. Im Umkehrschluss: Wenn jede Note, jedes Wort und jede Bewegung übertrüben akzentuiert wird, ist das Ergebnis sogar noch bedeutungsloser.“

  • Aus: Ann Driver: Music and Movement. London 1936. S. 34.

Man darf seinen Zuhörern vertrauen. Dass sie zwar unterhalten werden wollen, dies aber nicht vollkommende Reduktion voraussetzt. Wenn sie merken, dass einem der eigene Inhalt wirklich wichtig ist, werden sie auch zuhören.

„Klarheit und Einfachheit sind der komplette Gegensatz zu ‚einfachen Gemütern‘. Fehlender Respekt für die Zuhörer wird durchscheinen und die Kommunikation beeinträchtigen. Was E. B. White über das Schreiben sagte, ist ebenso wahr für Information Design: ‚Niemand kann annehmbar schreiben, wenn er misstrauisch gegenüber der Intelligenz seines Lesers ist, oder ihn bevormunden will‘.“

  • Aus: Strunk, Jr. und White, E. B.: The Elements of Style. New York 1959. S. 70. In: Tufte, Edward: Envisioning Information. Cheshire 2013. S. 35.

Von Kafka zum 21. Jahrhundert: Ein absolut empfehlenswerter Artikel zur Visualisierung von Informationen und überhaupt für viele Einsichten, die Kunst und Ingenieurstechniken verbinden. Es hängt alles zusammen: Tufte, Edward: PowerPoint Does Rocket Science – and Better Techniques for Technical Reports, online unter https://www.edwardtufte.com/bboard/q-and-a-fetch-msg?msg_id=0001yB.

Hier ein erstaunliches Fax aus diesem Artikel, das zeigt, worum es bei Informationsdichte wirklich geht. Vorschläge zur Umsetzung dieses Resultats in PowerPoint sind sehr willkommen:

Also: Hier ist ein Appell, sich (subjektiv) mehr Zeit zu nehmen, um erstaunliche und bemerkenswerte Sätze zu schreiben, die sowohl Informationen transportieren als auch schön sind. Eine Geschichte zu erzählen, statt Minuten aneinanderzureihen. Kafka und andere Schriftsteller nicht nur als Lieferanten für kluge Management-Sprüche auf der Begrüßungsfolie zu missbrauchen, sondern von ihren wunderbaren Werken lernen, deren Qualität nur echte Liebe und Hingabe für eine Sache hervorbringen kann. Dann könnte eine Zukunft leuchten, in der es kein einziges langweiliges Meeting mehr gibt. Das wäre doch mal ein wenig Mühe wert. Und sicher würde dabei jeder streng nach den Regeln des obigen Paradoxons nicht weniger, sondern mehr von seinem (Arbeits-)leben haben. Wie könnte man auch müde werden, wenn man für etwas brennt?

KINDER AUF DER LANDSTRAßE

[…]

Ich strebte zu der Stadt im Süden hin, von der es in unserem Dorfe hieß:
»Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht!«
»Und warum denn nicht?«
»Weil sie nicht müde werden.«
»Und warum denn nicht?«
»Weil sie Narren sind.«
»Werden denn Narren nicht müde?«
»Wie könnten Narren müde werden!«

  • Aus: Kafka, Franz: Kinder auf der Landstraße. In: 25 Erzählungen (German Edition) (Kindle-Positionen 12-27). Projekt Gutenberg-DE.
  • G.G.