„Was habe ich mir bloß dabei gedacht…?“. Gedanken, die mich seit der Buchung des Fluges nicht mehr losgelassen haben. Es war Frühjahr und mein Kollege und ich planten unseren alljährlichen Trip. Lettland, Slowakei oder Norwegen…? So ziemlich alles stand auf unserer Liste. Wir wollten etwas Außergewöhnliches, etwas, wo nicht jeder Max Mustermann der Nation Urlaub macht. Dann kam die Erleuchtung. ISLAND! Wir beide, unseres Zeichens große Game of Thrones Fans, beschlossen, einen Trip in den hohen Norden zu machen. Island, das Land der Elfen und Trolle und Heimat der wohl härtesten Burschen, der Wikinger. Imposante HUH-Rufe, die mir noch von der EM in Frankreich im Kopf herumschwirrten, stimmten mich fröhlich und wollten mich diesen Inselstaat mit seinen etwas mehr als 300.000 Einwohnern besuchen lassen.

Reykjavik ist nicht nur Hauptstadt Islands, sondern zudem auch die am weitesten nördlich gelegene Hauptstadt der Welt. Dies sollte also nun unser Ziel sein. Vor dem EM, gebe ich offen zu, haben mich die Isländer nicht interessiert. Ich wusste, da gibt es paar Ponys und Schafe und Gammel Hai als Spezialität der heimischen „Haute Cuisine“. Dass nun die Macher der erfolgreichen HBO Serie Game of Thrones dort einige Drehorte hatten, machte die Sache für uns schon wesentlich interessanter. Ich dachte mir zudem, es handele sich um einen entspannten Städtetrip den man mit etwas Natur verbinden könne. Ich sollte mich irren, wie sich später herausstellte.

Nun ja, die Reise war klar und auch ein Apartment war über eine bekannte Online-Plattform gebucht. Der Flug, wie soll ich sagen, war schon sehr teuer, und daher musste bei der Unterkunft gespart werden. Die Tage zogen ins Land und der Abreisetermin rückte näher. Zeit also, um sich um ein paar organisatorische Dinge zu kümmern. Wie zum Beispiel vom Flughafen wegzukommen und herauszufinden, wo es ein günstiges Mietauto gibt. Nun kommen wir zu dem Punkt, der mich zwischenzeitlich wirklich in eine kleine Depression stürzte. Klar ist Island ein skandinavischen Land und daher nicht so günstig. Wir waren aber durch Reisen nach Stockholm und Kopenhagen abgehärtet. Dachten wir… Je mehr ich recherchierte und buchte, umso mehr Geld ging drauf und wir waren noch nicht mal angekommen. Hier die Bustickets für den Flughafen, da das Mietauto und und und. Die Vermutung lag nah, dass Island ein teuerer Spaß werden würde.

An unserem Abreisetag ging es schon ziemlich früh los. Um 6 Uhr ging der Flieger in Richtung Kopenhagen und von da aus dann Non-Stop nach Reykjavik. Nach einem gut 4stündigen Flug kamen wir in Keflavik an. Der Flughafen liegt ca. 45min vom Zentrum entfernt. Nun hatten wir unsere Bustickets glücklicherweise bereits in Deutschland gebucht und sparten uns das Anstehen an den Schaltern. Eine einfache Fahrt kostet mit dem so genannten FlyBus etwa 20€ pro Person und die Busse fahren regelmäßig. Vom BSÍ Terminal in Reykjavik kann seine Reise zum Hotel oder eben Apartment mit dem Shuttle Service fortführen. Da unsere Bleibe aber nur 2 Busstationen entfernt war, entschieden wir uns für den City Bus. Hier kostet das Ticket 440 Kronen (3,60€) und gilt für eine Stunde. Und hier folgte die erste Lektion in Island. Passend zahlen! Da wir nur mit Scheinen bewaffnet waren, hatten wir nur einen 500 Krone Schein. Rückgeld gibt es leider keins. An dieser Stelle kann ich Euch aber die Strætó App empfehlen. Diese hat neben einem Strecken- und Routenplan auch die Funktion, die Tickets über eine Kreditkarte zu beziehen und dann einfach bei Fahrtantritt vorzuzeigen. Dies stellt auf jeden Fall sicher dass es passend und unkompliziert ist. Ohne Kreditkarte funktioniert das Bezahlen aber leider nicht.

Unsere Gastgeberin waren die Hochschuldozentin María Anna und ihr Mann. Zunächst lernten wir aber nur sie kennen und erhielten einen kleinen Exkurs durch die Geschichte von Reykjavik und nützliche Tipps zum (Über-)Leben in Island. Wir durften alles in der Wohnung mitbenutzen und konnten uns uneingeschränkt bewegen. Nachdem wir also endlich da waren, ruhten wir uns nur kurz aus und machten uns anschließend wieder auf die Socken. Der Tag war schließlich noch jung und die Möglichkeiten grenzenlos. Wieder im Bus sitzend Richtung Innenstadt, fuhren wir an etwas trostlosen Fassaden vorbei und an vielen Baustellen. Unser erster Stopp war das Wahrzeichen der Stadt, die sehr modern anmutende Hallgrimskirkja (Kirche). Sie ist gleichzeitig eines der höchsten Gebäude des Landes. Die Kirche ist, wie viele andere Gebäude, nicht sonderlich alt. Erbaut ab 1943, wurde sie 1986 eingeweiht. Vor der Kirche gibt es die Statue des isländischen Entdeckers Leif Eriksson (isl. Leifur Eiríksson) zu bestaunen. Er und nicht Christopher Kolumbus hat Amerika als erster entdeckt. Der Leif Eriksson Tag wird am 09. Oktober gefeiert.

Als nächstes ging es dann die Straßen der Stadt hinunter auf der Suche nach Kultur und Sehenswürdigkeiten. Sogleich folgte die nächste Enttäuschung. Reykjavik hat nicht allzu viel zu bieten. Klar, ein paar Museen gibt es und auch einige Souvenirshops, aber so wirklich viel, gibt es eben nicht. Am Hafen befinden sich ein paar fotowürdige Objekte, die auch den Weg dorthin wert sind. Als erstes kommt man an der sogenannten „Sonnenfahrt“ Skulptur an. Diese wurde 1986 vom Künstler Jan Gunnar Árnson geschaffen. Das aus Edelstahl bestehende Objekt stellt ein Wikingerschiff dar und seine Ausrichtung Richtung Sonnenuntergang erklärt seinen Namen.

Etwas weiter befindet sich das nächste moderne und ziemliche stylische Gebäude der Stadt. Das Konzerthaus Harpo wurde 2011 im Rahmen des Reykjavik Culture Night eingeweiht. Seine Fassade und auch das Innenleben sind sehr futuristisch und wurden 2013 sogar mit dem Mies-van-der-Rohe Preis für zeitgenössische Architektur ausgezeichnet. Nach einem kleinen Bogen an den kleinen und großen Schiffen vorbei kann man dann noch zwei Kameraden fotografieren, die Fischersleute darstellen sollen. Vom Hafen aus hat man bei gutem Wetter eine wirklich schöne Kulisse vor der Linse. Der Berg Esja strahlt bei Sonnenuntergang in einem schönen orange/rot.

Zurück in der Stadt gab es dann die nächste Lektion. Der Magen meldete sich langsam und verlangte nach Essen. Etwas blauäugig gingen wir in das erstbeste Lokal. Burger mit Pommes und dazu ein Bier. Wir zahlten nicht 10 nicht 20 und nicht 25 Euro für dieses Menü, nein, das Ganze kostete uns fast 35 Euro pro Person. Leichtes Zucken in meinen Augen und kleinere Herzrhythmusstörungen später gingen wir geschockt aus dem Laden. Wirklich satt waren wir zudem auch nicht. Nach dem Motto „Was soll’s?“ setzten wir uns in einen Irish-Pub und genehmigten uns noch ein Bier. Es war schließlich Happy-Hour. Dieser Pub (The drunken Rabbit) kann ich aber auch wirklich empfehlen. Denn nicht nur wir, sondern auch UFC Champ Conor McGregor war schon dort und das soll was heißen. Die letzte Lektion des Tages sollte noch folgen. Auf dem Weg nach Hause hielten wir noch schnell an einem Supermarkt. Schließlich waren wir schlaue Jungs und wollten uns das Frühstück selbst organisieren. Naja, was soll ich sagen, ein 24-Stunden Markt ist eben nirgends günstig und in Reykjavik erst recht nicht. Für einen Skyr, Toastbrot, Kekse, Aufschnitt und Wasser habe ich satte 18 Euro bezahlt. Das Reisebudget war am ersten Tag schon sehr angegriffen, als es heimging. Müde und pleite ging es also in die Federn. Ein lehrreicher erster Tag.

Der nächste Tag stand ganz im Zeichen der Erkundung der Insel. Nachdem uns die Stadt wenig Sehenswertes geboten hatte, hofften wir auf die so viel gelobte Landschaft und Natur. Island ist vulkanischen Ursprungs und beherbergt mehrere noch aktive Vulkane, wobei wir einen wohl alle kennen. Der Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen Eyjafjallajökull sorgte 2010 mit seiner Aschewolke für mächtig Ärger im Flugverkehr. Die Vulkane stehen daher natürlich für das isländische Feuer. Unsere Tour führte uns aber auf eine ziemlich beliebte Tour bzw. Reiseroute im Südwesten der Insel. Die sogenannte Gullni hringurinn (Golden Circle) Tour führt entlang an einigen Hotspots der Insel. Die reine Fahrzeit beträgt ca. 3-4 Stunden. Das Tempo ist in Island auf 90 km/h beschränkt, es drängelt aber auch niemand auf den leeren Straßen, und somit ist es eine angenehme Fahrerei. Die Route führt zunächst zum Thing-Pingvellir Nationalpark. Es handelt sich hierbei um eine Felslandschaft mit Wasserfall und netten Wanderpfaden. Grundsätzlich lohnt es sich, ein eigenes Auto zu mieten und die Fahrt anzutreten. Geführte Touren gibt es aber ab Reykjavik auch. Die Autonomie eines eigenen Fahrzeugs erlaubt einem aber auch Stopps zwischendurch und ein eigenes Tempo. Das Wetter meinte es an diesem Tag nicht besonders gut mit uns und es regnete zunächst leicht und Nebelschwaden erschwerten die Sicht enorm. Somit erschloss sich uns die Landschaft nicht. Der nächste Halt hatte es dann in sich. Am Geysir Park gibt es die gleichnamigen Geysire zu bestaunen. Der Geysir Strokkur schießt auch sehr zuverlässig alle 10min eine Wasserfontäne gen Himmel. Dieses Naturschauspiel darf man sich nicht entgehen lassen. Je nach dem, wie der Wind steht, kommt einem der faulige Schwefel-Geruch in die Nase, was eher nicht so appetitlich ist. Nach diesem Spektakel ging die Fahrt weiter. Der Gullfoss ist der größte und imposanteste Wasserfall der Insel und mit seiner Geschwindigkeit Spitzenreiter in der Welt. Es war wirklich atemberaubend trotz schlechter Sicht. Bis dahin war die Tour völlig kostenlos. Kein Eintritt, kein nix, nur geile Natur und pure Freiheit. Kurz vor unserem Heimweg hielten wir noch beim Kerio, einem eigentlich ziemlich farbenprächtigen Vulkankrater (Eintritt: 400 Kronen). Ebenfalls zu dieser Tour kann man noch zwei weitere Orte besuchen. Weniger imposant, aber vielleicht für den ein oder anderen interessant. Bedingt durch das schlechte Wetter waren die Chancen auf Polarlichter gleich null.

Zu Hause angekommen machten wir uns dann für eine kleine Party-Nacht fertig. Es war zwar Halloween, aber es war mitten in der Woche, und da gehen wohl selbst die Isländer kaum raus. Das war zumindest unsere Vermutung, denn viele Menschen haben wir auf den Straßen nicht angetroffen. Nix desto trotz ging es raus und in die erste Bar. Dort hielt es uns aber nicht lange und so ging der Weg zum nächsten Laden. Dort konnte man schon von Weitem eine Band spielen hören. Nix wie rein, dachten wir uns. Im Dachgeschoss des Ladens machte die Band ganz schön Krach. Dies war mehr nach unserem Geschmack und so blieben wir den Abend auch dort. Natürlich hielten wir uns bei den alkoholischen Getränken zurück. Die Nächte in Island sind kurz und so schließen die meisten Läden gegen 1 Uhr. Am Wochenende kann es auch mal bis 3 Uhr gehen. Ein Bier kostet im Schnitt 9 Euro und in der Spitze fast 12 Euro (0,5 Liter).

Am nächsten Morgen lachte uns die Sonne an und so entschieden wir uns, das Auto für einen weiteren Tag zu mieten und wieder loszuziehen. Ziel des Tages war Vik i Mydral im Süden der Insel. Dort gibt es den schwarzen Strand zu bestaunen. Dieser Ort wird in Game of Thrones übrigens als Drachenstein, Sitz von Daenerys Targaryen gezeigt. Ein Ausflug von Reykjavik dorthin dauert 2 Stunden und 30 Minuten. Es lohnt sich nicht nur für Fans der Serie. Es ist atemberaubend schön und etwas unwirklich. Da das Wetter diesmal mitspielte, war die Fahrt dorthin auch der reinste Genuss. Vorbei an Steinwüsten, Feldern, schroffen Felsen und Wasserfällen konnte man auch die imposanten Gletscher und schneebedeckten Gipfel bestaunen. Das ist das Eis in „Island“. Auch dieser Trip war völlig kostenlos und ist sehr zu empfehlen. Wir verweilten aber nicht allzu lange, da wir das Auto pünktlich um 18 Uhr zurückbringen wollten. Auf dem Weg zurück mussten sich diese Eindrücke erstmal setzten. Da wir noch etwas Zeit hatten, fuhren wir noch in die Stadt und machten einige Aufnahmen. Zwischenzeitlich wusste wir auch, dass wir im Bonus Supermarkt wesentlich billiger einkaufen konnten und taten dies für unser Abendessen.

Nachdem wir das Auto nun wieder vollgetankt zurückgegeben hatten, fuhren wir mit dem Bus zurück. Im Apartment war etwas Partystimmung. Unsere Hausmama hatte Geburtstag. Leider wussten wir von nix und mussten mit leeren Händen gratulieren. Zusätzlich bekamen wir nun etwas Konkurrenz in der Küche. Ihr Mann kochte und wir mussten uns mit den Spaghetti etwas gedulden. Nach der Nahrungsaufnahme verkrochen wir uns in unser Zimmer und machten den Laptop an. Leider war trotz des anfänglich guten Wetters auch für diesen Abend keine Chance auf Polarlichter. Das war etwas, was mich wirklich bedrückte, da man so eine Reise nun nicht alle Tage macht und die Chance hat, dieses Naturphänomen zu sehen.

Dennoch – die Menschen sind sehr freundlich und friedlich. Es gibt in Island faktisch keine Armee und die Kriminalität ist bei Null. Es verwundert daher nicht, dass Island auf Platz eins des Peace Index steht. So war das Ende dennoch ein versöhnlicher Abschied und die Natur Islands hat uns voll und ganz in ihren Bann gezogen. Irgendwann, ja irgendwann kehre ich zurück. Mit viel Geld und Zeit, um noch mehr zu sehen und das Abenteuer Island zu komplettieren.

Marc-Philipp Spitz