Am Anfang stand eine Bewerbung und die Frage: „Warum möchtest Du am Erasmus Programm „Leonardo da Vinci“ teilnehmen?“. Antwort: „Um neue Erfahrungen zu sammeln, interkulturelle Kompetenzen zu erlangen und meine Fremdsprachenkenntnisse signifikant zu verbessern.“. Signifikant, interkulturelle Kompetenzen… starke Wörter.

Meine Bewerbung wurde zu meinen Gunsten akzeptiert und somit folgten einige Treffen mit den Organisatoren meiner Berufsschule. Die Entscheidung, wohin es gehen sollte, stand für mich recht früh fest. Spanien und Frankreich kamen für mich nicht in Frage, da meine Sprachkenntnisse sehr eingerostet waren. Somit blieb nur noch England und damit Brighton übrig.

Das Programm wurde mit Geldern der EU subventioniert und so brauchte ich mir in dieser Hinsicht keine Gedanken machen. Die Sprachschule, die Gastfamilie und der Flug waren mit den Geldern abgedeckt, einzig mein privates „Vergnügen“ musste ich mir selbstständig finanzieren. Die Dauer meines Aufenthalts war auf drei Wochen begrenzt. In dieser Zeit würde ich für ein lokales Geschäft arbeiten und an den Freizeitaktivitäten der Sprachschule teilnehmen. Das Organisatorische war nun also geklärt, meine Flüge gebucht und der Kontakt zu meinem Vermittler vor Ort aufgebaut. Ich teilte Alan (meine Kontaktperson in Brighton) zwei Tage vor Abreise meine Flugzeiten mit, sodass er meiner Gastmutter die Information zwecks Abholung mitteilen konnte. Angekommen in London Gatwick war es bereits ziemlich spät und ich entschied mich gegen den Bus nach Brighton und für ein teures Taxi. Die etwa einstündige Fahrt an den Badeort kostete mich umgerechnet 40 Euro. Auf dem Weg nach Brighton rief ich Alan an und teilte ihm mit, dass ich eigenständig zur Adresse meiner Gastfamilie fahren würde. Um kurz vor 12 (Mitternacht) kam ich an.

Der Crescent Drive North in Woodingdean erinnerte mich stark an Harry Potter. Ein Haus ähnelte dem anderen und alles war akkurat und ordentlich. Mit meinem Koffer und einem Rucksack stand ich vor der Tür und hoffte, dass ich auch das richtige Haus erwischt hatte. Denise, meine Gastmutter, öffnete mir die Tür und führte mich auf meine Zimmer, worin bereits ein weiterer Schüler aus dem Programm schlief. Fabian war auch auf meiner Berufsschule und wir lernten uns bereits in Deutschland kennen. Zügig ging es dann ins Bett um noch etwas Schlaf zu bekommen, denn am nächsten Tag sollte das Abenteuer bereits beginnen.

Der erste Morgen in einer ungewohnten Umgebung, mit Menschen die ich kaum bis gar nicht kannte, war schon etwas seltsam. Da es nur ein Badezimmer gab, dauerte es etwas länger, bis alle durch waren. Fabian und ich machten uns nun auf den Weg zur Sprachschule, wo Alan bereits auf uns wartete. Die Fahrt mit dem Doppeldecker-Bus nach Brighton dauerte zum Glück nie länger als 25 Minuten. Die Schule lag aber in Hove. Brighton und Hove bilden eine Städtegemeinschaft. Nach einem Buswechsel im Zentrum ging es in die Büroräume. Nach einer kurzen Einweisung und dem obligatorischen Papierkram stiegen wir in ein Auto, welches uns zu unseren Arbeitsplätzen brachte. Mein Arbeitsplatz lag etwas versteckt, hinter der Brighton-Mall. Zusätzlich befand sich das Büro in einem Wohnhaus, welches von diversen Firmen genutzt wurde. Im Erdgeschoss befand sich eine Behindertenwerkstatt und im ersten Obergeschoss verschiedene Unternehmen.

IT-Skills 4 Rural Kenya wurde von Edward, dem CEO und Gründer, betrieben. In einem Büroraum befanden sich fünf Computer und eine kleine Tee-Ecke. Die Firma ist eine Non-Profit Organisation, welche Spenden für das Dorf Rural in Kenia sammelt und mit IT-Wissen und Geräten vor Ort unterstützt. Meine Aufgaben in diesem Team erschlossen sich mir nur langsam. Neben mir arbeiteten noch drei weitere Austauschschüler aus Deutschland und ein IT-Student aus Brighton mit. An meinem ersten Tag erklärte mir Edward vieles, aber nichts Konkretes. Dennoch, ich war zufrieden und positiv eingestellt. Einen „Schock“ musste ich jedoch früh verkraften. Die Toiletten funktionierten nicht. Glücklicherweise befand sich die Mall in direkter Nähe, sodass ich dort die sanitären Einrichtungen benutzen konnte.

Kommen wir nun aber wieder zurück und schauen uns Brighton genau an. Brighton gehört zur Grafschaft East Sussex und bildet zusammen mit Hove die Unitary Authority Brighton and Hove. Brighton seines Zeichens ist das größte und bekannteste Seebad im Vereinigten Königreich. Die sehr kosmopolitische Stadt an der Küste des Ärmelkanals wird auch als „London by the Sea“ bezeichnet. Während meines Aufenthalts wollte ich logischerweise so viel wie möglich unternehmen und sehen. Dadurch, dass meine Arbeitszeiten flexibel und kurz waren, boten sich viele Gelegenheiten, die Stadt zu erkunden. Viele Sehenswürdigkeiten gibt es jedoch nicht und daher ist eine Sightseeing-Tour auch schnell abgeschlossen. Sicherlich ist die Brighton Seafront (Marina) und das Brighton Pier ein, wenn nicht der Höhepunkt. Die Küste erstreckt sich über Kilometer und lädt bei gutem Wetter zu einem Spaziergang ein. Die Pier beherbergt diverse Restaurants, Buden und kirmesähnliche Fahrgeschäfte sowie eine Spielhalle für Jung und Alt. So manche Touren führten Fabian und mich dorthin. Das Wetter war uns in dieser Zeit auch größtenteils gewogen und, anders als zu erwarten, nicht typisch britisch.

Vor Arbeitsbeginn führte mich mein Weg in die Mall und zu einem Bistro. Zwar bekam ich von meinen Gasteltern jeden Morgen ein Lunch-Paket, bestehend aus einem Sandwich mit wechselnden Belägen, einem Trinkpäckchen, einem Schokoriegel und einer Flasche Wasser, jedoch sagte mir vor allem das Sandwich mehrfach nicht zu. Der oftmals undefinierbare Aufschnitt/ Belag entsprach schlichtweg nicht meinem Geschmack. Aus Höflichkeit und um nicht die Gefühle meiner Gasteltern zu verletzten, bedankte ich mich brav jeden Tag und nahm mein Päckchen mit auf die Arbeit. Im Bistro besorgte ich mir dann ein Panini nach Wahl und einen schwarze Kaffee. Das Einkaufzentrum bot dazu noch vieles mehr an Geschäften des täglichen Gebrauchs und war diverse Male Ziel meiner Reise. An der Arbeitsstelle angekommen, musste ich immer beim Pförtner klingeln und mich anmelden. An den meisten Tagen war ich der erste Mitarbeiter im Büro. Während Edward afrikanische Gelassenheit lebte, wollte ich einen guten Eindruck hinterlassen und deutsche Tugenden zeigen. Ein Arbeitstag verlief im Grunde immer gleich und zügig ab. Computer anmachen, Aufgaben bearbeiten, Spenden zur Bank bringen und einzahlen und an Projekten arbeiten. Währenddessen wurde dann auch die eine oder andere Freizeitaktivität mit den Kollegen geplant.

Besonders zu empfehlen ist die „North-Lane“. Diese bildet eine lange Einkaufsstraße, welche viele kleine und große Geschäfte beheimatet. Moderne Start-Ups reihen sich neben veganen Schuhgeschäften, Vintage-Stores und Second-Hand Boutiquen. Ein Ausflug lohnt sich definitiv. Natürlich darf man auch einen Besuch im Royal-Pavilion nicht versäumen. Wir hatten eine geführte Tour im Programm und durften diesen sehr exotisch anmutenden Palast besichtigen.

An dieser Stelle bleibt dann auch nicht viel mehr, was es zu sehen gibt. Klar, das ein oder andere Museum gibt es natürlich noch, aber die Highlights wurden genannt. Wer mehr möchte, dem bleibt nur übrig, den Zug nach London zu nehmen. Andernfalls gibt es noch einen kleinen Tipp. Für Naturliebhaber lohnt es sich, den Bus in Richtung Dover zu nehmen. Dort, an diesem Küstenort, gibt es die berühmten weißen Kreidefelsen zu bestaunen. Der Weg von der Bushaltestelle bis an die Spitze des Felsen dauert ein wenig, lohnt sich aber in jedem Fall. Ob man die Felsen von unten oder oben betrachten will, ist hierbei jedem selbst überlassen. Ein Ausflug dorthin kann auch schon mal gut einen Tag in Anspruch nehmen. Zusammen mit Fabian haben wir diesen Trip relativ zum Ende unseres Aufenthalts gemacht. Denn irgendwann werden auch die coolste Einkaufsmeile und das schönste Pier langweilig und monoton.

Dennoch, Brighton ist in Sachen Mode eine sehr trendige und lebhafte Stadt. Dies hat sie vor allem der homosexuellen Gemeinde in Kemptown zu verdanken. Dieser Teil der Stadt wird auch als „Gay Village“ bezeichnet und so lassen sich dort viele Clubs und Bars der Szene finden. Apropos Szene und Party. Was Brighton nicht an Sehenswürdigkeiten hat, haut es mit Pubs und Clubs wieder raus. Die Partyszene ist vielfältig und voller Action. An zwei Abenden schlossen wir uns einer Pub-Tour, den sogenannten Pub-Crawles, an. Ben, unser Tourguide durch die Pubszene, führte uns gemeinsam mit seinem Kollegen Mark in die einheimischen Bräuche ein. Besonders viel versprach ich mir von dieser „geführten“ Sauf-Tour nicht, jedoch war der Abend ein einziger Erfolg. Die erste Tour war fast ausschließlich mit Deutschen aus dem Programm gefüllt. Ben und Mark gaben ihr Bestes als Entertainer und machten diesen Abend unvergesslich. Durch fünf Pubs führte die Tour, die in jedem Pub anders war. Mal typisch britisch, mal modern und dann auch mit Karaoke. Ein Getränk ging stets aufs Haus und so kamen am Abend ein paar Biere zusammen. Den immer wilder werdenden Hühnerhaufen an „Germanen“ zu kontrollieren, war sicherlich keine leichte Aufgabe, aber die Jungs machten einen prima Job.

Weitere Programmpunkte während unseres Aufenthalts, auf unserem Laufzettel, waren Laser-Tag und Tea-Time. Insgesamt waren die Aktivitäten zufriedenstellend, haben Spaß gemacht und vor allem dazu beigetragen, dass sich die Gruppe annähert und befreundet. In dieser Konstellation ging es dann auch des Öfteren auf eigene Faust raus und rein ins Nachtleben. Sich jedoch an das englische Partyvolk anzupassen beziehungsweise mitzuhalten, fiel uns dann doch schwerer als gedacht.

 

Zweimal führte uns unser Weg auch nach London. Hierbei waren wir dann auch autonom unterwegs und verzichteten auf einen Guide. Aber da es in diesem Bericht nicht um London geht, schnell zurück nach Brighton. Eines, was ich besonders lieben gelernt habe, hat nicht direkt etwas mit der Stadt zu tun, aber mit England im Allgemeinen. Dicke Bohnen, Speck, gegrillte Tomate, Pilze und Würstchen zum Frühstück sind für mich das Non plus Ultra. Diverse Geschäfte boten dies als Frühstück/Mittagsdeal an und ich schlug, so oft es ging, zu. Eine solch schwere Kost am Morgen ist nix für jedermann aber wer es kennt und liebt, weiß, wovon ich rede. Der Vorteil einer solchen Mahlzeit liegt auch darin begründet, dass sie lange vorhält und einen bis spät in den Nachmittag satt macht. Generell gestaltete sich die Wahl unseres Mittagsessens sehr fettig und proteinreich. Am Abend gab es dann noch Essen bei unseren Gasteltern. Ja gut, ein paar Kilo kamen bestimmt in den drei Wochen drauf, aber so ist das eben.

Nachdem uns die deutsche Gruppe verlassen hatte, waren nur noch Fabian und ich übrig. Somit war es auch an der Zeit neue Leute kennenzulernen. Und wo geht das besser als bei einem Pub-Crawl? Freitagabend, gleiche Pubs, neue Leute. Diesmal bestand die Gruppe aus ausländischen Studenten aus aller Welt und uns. Schnell kamen wir mit den Leuten ins Gespräch und freundeten uns an. Dabei erreichten wir schnell auch wieder einen guten Pegel und wie jüngste Studien auch belegt haben, verbesserten sich unsere Englischkenntnisse. Zur Mitte der Tour kamen wir wieder an die Karaoke Bar. Dort stieg die Stimmung und eine Hymne für den Trip nach Brighton war geboren. Brightons Musikszene hat viele bekannte Künstler wie beispielsweise Passenger, The Kooks, Fatboy Slim und Rizzle Kicks hervorgebracht. Das Lied, welches wir abfeierten, war vom HipHop Duo Rizzle Kicks „Down with the Trumpets“. Diese rhythmische Melodie und die einfachen Lyrics waren genau nach unserem Geschmack. Der Abend wurde länger und die Getränke härter. Ein Foto, welches mich heute noch zum Lachen bringt, habe ich „The invisible Glas“ getauft. Auf diesem Foto sind Fabian und Mark (der andere Guide) zu sehen. Fabians Zustand war an diesem Punkt schon jenseits von Gut und Böse. Beide umarmen sich, strahlen in die Kamera und Fabian hält in seiner freien Hand souverän das fehlende Glas. Die Einbildung und der Alkohol machten es möglich.

Nach diesem grandiosen Abend wurden wir von den Leuten zu einer Bad-Taste Party im Studentenwohnheim eingeladen. Es sollte der letzte Abend in Brighton sein. Das Abenteuer war schon bald wieder zu Ende. Gerade dann, als man anfing, sich wohlzufühlen und die richtigen Typen kennengelernt hatte. Das war nicht fair, aber was ist schon fair im Leben?

Der letzte Arbeitstag war geschafft, Edward war zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Wochen in Kenia und ich verließ IT-Skills für immer. Die letzten Tage war ich ohnehin alleine im Büro und hatte kaum Aufgaben. Daher hielt sich meine Trauer in diesem Fall auch in Grenzen. Der Partyabend rückte näher und es war an der Zeit, etwas wirklich „Trashiges“ zu kaufen. Meine normalen Klamotten taugten dazu leider nicht. Nun besuchte ich noch schnell einen billigen Mode-Discounter und schnell waren paar geschmacklose Stücke gefunden und gekauft. Wieder einmal ging es mit dem Bus nach Hove. Nachdem wir etwas suchen mussten, kamen wir im Studentenwohnheim an. Noch war die Party nicht richtig in Gang gekommen, aber der Durst war zu diesem Zeitpunkt auch etwas elementarer. Nach und nach füllte sich das Haus mit allen möglichen Leuten und die Stimmung wurde besser und lauter. Dies war meine Vorstellung von interkultureller Verständigung und Erweiterung meiner Kompetenzen. Natürlich lief auch wieder das Lied der Rizzle Kicks rauf und runter. Je mehr Zeit verstrich, umso näher rückte jedoch das Ende der Party für uns. Auf dem Weg in Richtung Zentrum verabschiedeten wir uns schließlich von der Gruppe und zogen etwas wehmütig nach Hause.

Der Morgen unserer Abreise war nun auch gekommen. Drei Wochen lagen zurück und viele tolle Geschichten, die ich immer noch mit Brighton verbinde. Unsere eigene Familie Dursley samt Bulldogen brachte uns zum Busbahnhof und verabschiedete uns. Aufregende und lehreiche Tage lagen hinter uns und auf dem Weg zum Flughafen sinnierten Fabian und ich nochmal über dies und das. Dieses Ersamus Programm brachte mir genau das, was ich erwartete. Nicht unbedingt die Arbeit, aber die Freundschaften und Erfahrungen, die über die Zeit entstanden. Brighton als Stadt ist eine Reise wert. Dort lässt man es sich fernab der Metropole London richtig gut gehen und Brighton hält viele kleine und große Überraschungen bereit.

Wer die Gelegenheit bekommt oder einen kurzen Städtetrip plant ist hier genau richtig. Brighton ist Kult.

Marc-Philipp Spitz