Willkommen zur Geburt einer neuen Kategorie! „Literatur“ soll eine Lücke im EUFH-Blog füllen, die bisher existiert hat, das aber nicht weiter tun muss. Oder andersherum: Eine Kategorie, die bisher NICHT existiert hat, wird ins Leben gerufen, um jene Lücke zu füllen und hoffentlich einigen Lesern Freude zu bereiten.

Denn was ist Literatur, was sind Geschichten, Gedichte und Gedanken anderes als die pure Freude am Sein und dessen unzählbaren Möglichkeiten, es auszudrücken? „Ein Königreich für einen Stift!“ rief schließlich schon Richard III bei Shakespeare! – oder war es etwas anderes? Um bei den üblichen feierabendlichen Stammtischgesprächen über alte Meister und ihre Deutung nicht einen vom Pferd erzählen zu müssen, mag sich mancher vielleicht heimlich in der neuen Kategorie umschauen. Wer weiß, ob hier nicht eine Menge unentdeckte und auch neue Schätze auf Entdeckung warten werden?

Ziel ist es, regelmäßig Beiträge über Literatur und Sprache zu veröffentlichen, welche explizit unwissenschaftlich und schön sowie nicht weniger wahr sind. In der Hoffnung, dass der allseits geplagte Studierendengeist ein echtes Buch (die Älteren erinnern sich noch) aufschlagend voll Ehrfurcht und Vorsicht die papiernen (!) Seiten mit seinem Finger entlangfährt, tief einatmet und, die Urangst vor Wörtern wie „Pflichtlektüre“, „Zitat“ oder „Literaturverzeichnis“ vergessend, wieder Begeisterung durch Endlossätze wie diesen, alle Regeln von PowerPoint-Gurus sprengenden Konstrukten, oder kürzesten, ins Mark treffenden Versen – dass er also hoffentlich, vielleicht, unerwartet – Freude am Lesen erfährt.

Was darf man hier erwarten? Vorstellungen von Büchern, Stücken und sonstigen Textwerken analog zu den anderen Kategorien, Texte oder Auszüge, passend zu Anlass oder Zeit, kurze Autorenporträts, Deutungen, Kommentare … da man unter „Mehr“ gerechtfertigterweise „mehr“ erwarten kann, wird es spannend, wohin die Reise dieser Kategorie geht.

Wer kann mitmachen? Alle und vor allem viele. Nicht nur als Leser, sondern auch als Schreiberling. Herr Förster leistet in den anderen Kategorien schon hervorragende und unglaublich produktive Arbeit, aber es ist jeder willkommen, der gerne etwas beitragen möchte.

Da die Rolle der Wissenschaft durch die obere Einleitung möglicherweise in ungünstigem Licht erschienen ist und die EUFH ebensolche doch betreiben will, soll nun der erste Beitrag zeigen, dass Wissenschaft etwas ganz und gar nicht Unschönes ist. Im Gegenteil: Wissenschaft und Literatur sind in vielen Dingen eins. Die eine braucht die andere, um Erkenntnisse zu gewinnen und auszudrücken, während letztere die erstere braucht, um etwas höchst Bedeutsames betrachten und lebendig machen zu können. Denn Literatur ist Leben. Und Wissenschaft soll das Leben einfacher und erträglicher machen. Dass beides wunderbar Hand in Hand gehen kann, zeigte darum Bertolt Brecht, indem er über das Leben eines im wahrsten Sinne des Wortes bewegenden Wissenschaftlers schrieb. Und zwar im Theaterstück „Leben des Galilei“:

Daten

Titel: Leben des Galilei
Textgattung: Theaterstück / Schauspiel
Autor(en): Bertolt Brecht / Margarete Steffin
Jahr: 1938 / 1939
Uraufführung: 1943, Zürich, Schweiz
Verlag: Suhrkamp
Ort und Zeit der Handlung: Italien, 17. Jhd.

Quelle: https://books.google.de/books/about/Leben_des_Galilei.html?id=twghAQAAIAAJ&source=kp_cover&redir_esc=y

Quelle: In Anlehnung an http://www.literaturwelt.com/epochen.html

Kurzbeschreibung:

In dem Jahr sechzehnhundertundneun
Schien das Licht des Wissens hell
Zu Padua aus einem kleinen Haus.
Galileo Galilei rechnete aus:
Die Sonn steht still, die Erd kommt von der Stell.

Galileo Galilei steht am Beginn. Dem Beginn einer jeglichem Zeitgeist und Glauben widersprechenden Erkenntnis: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Universums. Sie sei ein Stern wie jeder andere. Gott soll sie nicht zum Zentrum aller Dinge gemacht haben. Aber: Was ist dann der Mensch? Ist er etwa ebenfalls nicht die auserwählte Spezies, erhaben über und rechtmäßiger Unterwerfer von allen anderen? Ist er etwa nicht besser oder besonderer als irgendein Tier?

Galilei, der Ketzer. Galilei, der Wunderwerkzeuge wie Proportionszirkel und Fernrohr nur erfindet (letzteres bei den Holländern borgt), um den unbeweglichen Geistern Spielzeuge an die Hand zu geben und den Milchmann zu bezahlen. Galilei, der hier ein Mensch ist, der gerne gut isst und der Angst vor dem Scheiterhaufen hat. Was ist Wissenschaft? Was kann sie? Was darf sie? Was muss sie? In der Brecht’schen Bearbeitung zeigt sich, wie ein Mensch ihr sein Leben verschreiben kann. Nicht auf der Suche nach unendlicher Weisheit, sondern nach einer Grenze für den unendlichen Irrtum. Popper wäre entzückt.

Fazit:

Wer auf der Suche ist, der wird hier fündig. Sei es die Suche nach dem Zweck der eventuell bereits eingeschlagenen akademischen Laufbahn, schönen Zitaten oder herrlich ironischem Humor. Spannung gibt es auf jeden Fall. Oben und Unten, Wissen und Glauben, Zweifel und Verdrängung, Arm und Reich, Macht und Ohnmacht, Individuum und Gesellschaft, Stillstand und Bewegung, Anfang und Ende – Das Stück zeigt uns, wie viel es zu tun gibt, um besser zwischen diesen Gegensätzen zu leben. 400 Jahre später stehen wir wirklich erst am Beginn.

Zitate:

„Wir müssen den Milchmann bezahlen.“

„Die alte Zeit ist herum, und es ist eine neue Zeit. Seit hundert Jahren ist es, als erwarte die Menschheit etwas. Die Städte sind eng und so sind die Köpfe. Aberglauben und Pest. Denn alles bewegt sich, mein Freund. Selbst die Hundertjährigen lassen sich noch von den Jungen ins Ohr schreien, was Neues entdeckt wurde. Denn wo der Glaube tausend Jahre gesessen hat, eben da sitzt jetzt der Zweifel.“

„Sie bringen meinen Andrea noch so weit, dass er behauptet, zwei mal zwei ist fünf.“

„Ich habe Mathematik studiert, Herr Galilei.“ – „Das könnte helfen, wenn es sie veranlasste, einzugestehen, dass zwei mal zwei hin und wieder vier ist!“

„Kann man den Fuß setzen auf glühende Kohle und der Fuß verbrennt nicht? Willkommen in Rom, Freund Galilei.“

Übrigens: Die Textausgabe des Stücks gibt es auch in der EUFH-Bibliothek in Brühl. Wer sie wohl dorthin gestellt hat? Bestimmt jemand, der ebenfalls findet, dass Wissenschaft und Schönheit sich nicht gegenseitig ausschließen. Denn wer das Buch finden will, suche im Online-Katalog heutzutage unter „Sachbuch“. Vor einigen Jahren jedoch stand es noch unter „Schöne Literatur“ …

G.G.