Als EUFH-Alumni und starker Advokat der emotionalen Intelligenz bin ich nach wie vor ein großer Fan der Lehre an der EUFH und des Fokus auf soziale Kompetenzen (TSK). Im Oktober diesen Jahres habe ich einen langen Traum realisiert und bin nach Japan gereist, um die Kultur kennen zu lernen und im Land der aufgehenden Sonne eine ganz neue Welt zu erfahren. Dabei kann ich mich noch sehr gut an die damalige TSK Vorlesung erinnern, in der ich mit zwei Kommilitonen das Thema Japan bearbeitet habe – auf Basis der Kulturdimensionen nach Hofstede – vielleicht ist dem ein oder anderen diese Theorie auch schon über den Weg gelaufen.

Wie dem auch sei, ich war wirklich erstaunt, wie akkurat unsere damalige Analyse der Kultur tatsächlich war. Und auch wenn ich mich gefühlt schon eine Ewigkeit auf einen Besuch in Japan mental vorbereitet habe, ist die Erfahrung vor Ort noch einmal eine ganz andere.

Ich möchte an dieser Stelle ein paar meiner Eindrücke teilen und dem ein oder anderen Japan vielleicht sogar schmackhaft machen. Für einen Austausch stehe ich auch gerne bereit. Idealerweise über Xing oder LinkedIn.

Die Verbeugung und Höflichkeit

Sicherlich eine der größten Umstellungen, auf die man sich als Europäer einlassen muss, ist die Verbeugung. Auch wenn der typische Handschlag in Japan seit Jahrzenten im Kontext der globalen Wirtschaft bekannt ist, hat die traditionelle Verbeugung nach wie vor den Vorrang im alltäglichen Leben. Egal wo man hingeht, wird man stets freundlich und mit einer Verbeugung zwischen 30 und 45 Gradwinkel begrüßt, idealerweise erwidert man diese Geste. Auch unter Freunden und Bekannten ist diese Art von Gruß üblich.

Nur in schwerwiegenden Fällen von tiefstem Dank oder Entschuldigung geht man bis zu 90 Grad in die Verbeugung. Aber auch als wertvoller Kunde sieht man das Personal manchmal in dieser Position. Es ist tatsächlich ungewohnt, aber nach meiner Rückkehr habe ich noch drei Tage lang kleinere Verbeugungen bei mir beobachtet.

Eine absolute Wahrheit über die japanische Kultur ist die ubiquitäre Höflichkeit. In Verbindung mit der Verbeugung fühlt man sich sehr oft, vor allem als Kunde, als König. Egal ob im Restaurant, auf dem Fischmarkt oder in einem kleinen Einzelhandel, überall warten nette, fröhliche und überaus freundliche Menschen auf einen.

Jeder einzelne Mitarbeiter ist bereit, die Extrameile zu gehen. Die Selbstaufopferungshingabe ist bemerkenswert. Während eines Aufenthaltes in einer öffentlichen Bibliothek haben wir unter anderem nach einer bestimmten Manga (jap. Comic) Serie gefragt. Die Dame am Empfang sagte dann, dass sie keine Manga führen. 10 Minuten später suchte sie uns auf mit einer ausgedruckten Liste von vorrätigen Büchern über diese Serie  oder mit Bezug dazu. Damit hatte keiner gerechnet, zeigt aber die Kundenorientierung. Wir sind in Deutschland gewohnt, ein klares „Nein“ als Antwort zu akzeptieren. Das ist im asiatischen Raum eher unüblich, und die Buchliste ist ein Beispiel dafür.

Ich vermisse tatsächlich manchmal das ein oder andere Lächeln im deutschen Dienstleistungssektor, wir können sicherlich auf Basis anderer Kulturen etwas dazulernen. Als Kunde empfinde ich das als durchweg positiv.

Zwischen Moderne und Tradition

Japan ist ein faszinierendes Land und nirgendwo wird der Spagat zwischen Moderne und Tradition deutlicher als in Tokio. Egal ob kleine Tempel, große Parks oder riesige Hochhäuser oder Nudelbuden an der Straße – Tokio fasziniert mit einer unglaublichen Bandbreite an kulturellen Werten, die man als Europäer nur schwer begreifen kann. Oftmals bleiben ältere Gebäude bestehen, man erweitert sie oder baut um sie herum. Dadurch hat man in bestimmten Gassen den Eindruck, durch die Zeit zu reisen.

Beispiele für moderne oder sogar futuristische Distrikte sind Akihabara, Harajuku oder Odaiba. Letzterer Bezirk wird mit einer autonomen Bahn betrieben. Auf der anderen Seite gibt es Orte wie Yoyogi Park mit dem Meiji Schrein oder Asakusa, die eher traditionell und kulturecht sind.

Salary Man

Japan ist bekannt für eine engagierte Arbeitskultur. Das bedeutet, dass Überstunden der Regelfall sind und nach der Arbeit gemeinsam ausgegangen wird. Es ist erschreckend, wenn man die sogenannten „Salary Men“ (Ausdruck für Angestellte im Büro) morgens früh in der Bahn sieht und nachts immer noch in recht hoher Frequenz. Der typische Arbeitnehmer kleidet sich homogen in dunklem Anzug mit dunkler Krawatte, mit weißem Hemd und schwarzen Schuhen. Dabei fällt auf, das viele eine tägliche Bahnfahrt von 45 – 90 Minuten (pro Strecke) zur Arbeit in Kauf nehmen. Man sieht sehr viele, die die Zeit nutzen um ein bisschen Schlaf aufzuholen.

Unglaubliche Kochkunst

Einige bringen Japan in Verbindung mit einer gesunden Esskultur und der ein oder andere gönnt sich sicherlich auch einen Besuch bei einem lokalen Sushi Restaurant seiner Wahl. Das Essen, die Zubereitung und Zutaten sind wirklich Weltklasse.

Egal ob in dem lokalen Nudelschuppen nebenan, im teuren Restaurant oder auf dem Fischmarkt, die Qualität und der Geschmack sind atemberaubend. Meiner Erfahrung nach kommen selbst die deutschen Nord- oder Ostseeregionen nicht an den Geschmack heran.

Viele Gerichte werden mit Variationen von Soja oder anderen asiatischen Gewürzen wie beispielsweise Ingwer verfeinert und schmecken oftmals ganz anders als wir das gewohnt sind.

Generell muss man ebenfalls erwähnen, dass die Speisen sehr leicht und gesund sind. Die Portionen sind meist genau richtig und machen einen satt und nicht voll. Man kann also selbst um Urlaub bedenkenlos gesund leben und mit genug Fersengeld schlanker aus dem Urlaub kommen, als man hinkam. Auch nicht oft der Fall.

Kulturelle Homogenität

Ein wichtiger Punkt der Kulturdimensionen und auch in der realen Welt. Wo wir in Europa immer stärker in Richtung eines individualisierten Lifestyles gehen, ist im asiatischen Raum das Gegenteil sehr prominent ausgeprägt. Es ist wirklich faszinierend zu sehen, wie stark der Einheitsgedanke ausgeprägt ist in Japan. Auch wenn man in diversen Kulturszenen genau das Gegenteil wahrnimmt, wenn man sich beispielsweise die Visual Kay Bewegung anschaut, ist der Alltag sehr homogen geprägt und Auffallen in der Öffentlichkeit wird als Stigma angesehen. So wird regelmäßig in der Bahn die Durchsage kommen, bitte sein Handy auf lautlos zu stellen und nicht zu telefonieren während des Aufenthaltes.

Auch wenn sich viele tausende Menschen meist auf den diversen Plätzen zur Rush Hour bewegen, ist es verhältnismäßig ruhig. Tokio ist sehr ordentlich, sauber, geordnet und leise für eine Stadt, die niemals schläft.

Thematisierte Restaurants

Besonders spannend sind die verschiedensten Cafés und Restaurants, die mit Themen arbeiten. So gibt es relativ häufig Restaurants in einem bestimmten Stil, ausgerichtet auf bestimmte Animes, Themen oder Videospiele. Von der Aufmachung der Bedienungen bis hin zu den Gerichten ist alles auf das Thema abgestimmt. Da diese Orte allerdings sehr häufig auch von lokalen Personen aufgesucht werden, empfiehlt sich immer eine Reservierung im Voraus, idealerweise online.

Vieles, vieles mehr…

Das sind nur ein paar Beispiele für die kulturellen Höhepunkte, die einem in Japan, speziell Tokio, auffallen. In meinen zwei Wochen Aufenthalt gab es unzählige Eindrücke und Momente, die man in letzter Instanz selbst erleben muss, um sie zu verstehen.

Aus meiner Erfahrung kann ich den Fokus auf Softskills innerhalb der Lehre nur befürworten, und hoffe, dass der ein oder andere vielleicht ein bisschen Neugier in Richtung Japan entwickelt hat.

Danke fürs Lesen!

Sebastian Förster