Einige wissen es und die es nicht wissen, würden nicht zwangsläufig darauf kommen. Mal ehrlich, wer würde bei meinem Nachnamen darauf kommen, dass ich zur Hälfte Grieche bin. Spitz, dass ist deutsch und brachte mir in meiner Jugend viele Lacher ein. „Spitz, pass auf“ oder „Spitz wie Nachbars Lumpi“, um nur einige Klassiker zu nennen.

Aber es ist, wie es ist. Ein Teil von mir ist in Griechenland verwurzelt. Denke ich an Griechenland, dann denke ich gerne an meine Kindheit zurück. Jeden Sommer ging es mit Mama, Papa und Bruder nach Griechenland, meine Großeltern und Verwandten besuchen. Die Ferien dort zu verbringen, war das Highlight des Jahres. Im Garten meiner Oma zu sitzen und Wassermelone zu essen oder ihr beim Ernten der Tomaten zu helfen und morgens die Eier aus dem Hühnerstall fürs Frühstück zu sammeln. Anschließend konnte ich es nie abwarten, an den Strand zu kommen. Stolz wie Oskar war ich, als ich meinem Opa das griechische Alphabet aufgesagt hatte oder ein Gedicht, welches ich vorher einstudiert hatte. Es waren wundervolle Sommer.

Nach langer Abwesenheit entschied ich mich in diesem Sommer, meiner alten Heimat einen Besuch abzustatten. Zu lange hatte ich sie verschmäht, da ich gerne die ganze Welt bereise und nur ungerne an nur einem Platz verweile. Dieses Jahr war es aber dann soweit.

Gemeinsam mit meinem Bruder und seiner Freundin fuhren wir mit dem Auto die knapp 2000 Kilometer bis nach Thessaloniki. Das bedeutet konkret und bei gutem Verkehr eine Autofahrt von ca. 22 Stunden. Dabei passiert man dann die eine oder andere Grenze und muss sich schon mal den Straßen-Untergründen anpassen. Es gibt drei gängige Routen. Zum einen die Fahrt über Österreich-Ungarn-Serbien-Mazedonien, dann die klassische Route über Österreich-Slowenien-Kroatien-Serbien-Mazedonien und zu guter Letzt die Überfahrt mit der Fähre von Ancona in Italien. Wir entschieden uns für die „Balkan Route“ über Kroatien. Am späten Nachmittag des 10. Juli fuhren wir von Köln aus los, in Richtung Süden. Das Auto war bis unter die Decke mit Koffern, Taschen und einer Kühlbox beladen. Die ersten Kilometer bis nach Österreich saß ich am Steuer und konzertierte mich auf die Autobahn und darauf, nicht am Steuer einzuschlafen. So verlief unsere Fahrt auch im Grunde relativ problem- und gefahrlos. Wir wechselten uns regelmäßig ab und hielten nur selten für eine „Pipi-Pause“ an. Bis Kroatien verlief die Fahrt wie am Schnürchen. Auch danach gab es kaum Rückstau an den Grenzen oder der Passkontrolle, sodass alles in allem alles positiv verlief. Nach Belgrad wurden die Straßen dann aber zunehmend schlechter, dafür rückte unser Ziel aber auch immer näher. Noch ein letzter Grenzübergang in Mazedonien und dann war es geschafft. Wir waren in Griechenland angekommen. Am Dienstag, dem Tag unserer Ankunft, waren es gefühlt 50 Grad und wir waren alle erledigt und ausgepowert. Wir wollten nur noch ankommen und das Auto endlich verlassen.

Angekommen in Thessaloniki packten wir unsere Sachen aus und schmissen uns  erschöpft auf die Sofas. Bevor es aber ins Bett ging wurde noch etwas zu essen bestellt, damit auch der Körper wieder etwas an Nährstoffen zu sich nehmen konnte. Den Schlaf der Gerechten schlafend war die Vorfreude riesig auf die nächsten 14 Tage meines Urlaubes. Sonne, Strand, Essen und Party stand auf meiner To-Do Liste ganz oben. Als erstes jedoch ging es „Nach Hause“ zur Familie. Wir saßen also wieder alle im Auto und fuhren knapp eine Stunde Richtung Katerini. Die Stadt befindet sich an den Ausläufen des Olymps und nur 10 Minuten vom Meer entfernt. Sie zählt zu den größeren Städten in Griechenland und bietet neben dem Strand und seiner schönen Innenstadt mit vielen Einkaufmöglichkeiten das eben erwähnte Gebirge „Olymp“. Der Olymp ist mit seinen 2918 Metern die höchste Erhebung Griechenlands und, wie den meisten sicherlich bekannt ist, der Sitz der antiken Götter rund um Göttervater Zeus. Unterhalb des Berges befindet sich das malerische Örtchen Litochoro und die Plaka mit Ihren tollen Stränden. In direkter Nähe befindet sich zusätzlich die antike Ausgrabungsstelle Dion, welche ein Freilichtmuseum ist. Es lohnt sich also definitiv ein Besuch in dieser Gegend.

An unserem ersten Tag in Katerini führte uns unser Weg ans Meer,  an eine schöne Beachbar. „Endlich normale Leute!“ Der Urlaub konnte somit beginnen und die Strapazen der Fahrt waren wie weggeblasen. Auf dem Heimweg vom Strand hielten wir noch schnell an einem Imbiss an und stärkten uns nach den „stressigen“ Stunden am Meer. Es ist durchaus eine gute Idee, an solchen Imbissen / Grills Rast zu machen, da dort das Essen und die Leute am authentischsten sind. Souvlakia (Fleischspieße), Loukanika (Bauernwürste) und Pommes schmecken einfach nirgends besser. Dazu sollte man auch so autonom wie möglich unterwegs sein und sich eben außerhalb der „Touri-Strände“ bewegen. Der Mut zahlt sich in jedem Fall aus. Am Abend ging es dann in die Innenstadt von Katerini. Die Entscheidung, in welche Bar es gehen soll, fällt angesichts der großen Auswahl nicht leicht. Die Musik dröhnt aus allen Ecken und die Leute sitzen gemütlich auf den Terrassen und trinken ihr Lieblingsgetränk. Keine Spur von Wirtschaftskrise. Nach einem weiteren Tag am Strand fuhren wir dann aber wieder zurück nach Saloniki und machten uns fertig für das Nachtleben in der zweitgrößten Stadt Griechenlands. Hier gibt es natürlich eine noch viel größere Auswahl an Geschäften und Clubs. Die vielleicht coolsten Locations zum Feiern befinden sich aber mit Sicherheit an der Promenade des Zentrums rund um den Aristoteles Platz und im Stadtteil Kalamaria. In früheren Tagen war die Gegend rund um den Hafen und die Werften ziemlich verrufen und gefährlich. Diese Gegend wurde bereits von vielen Musikern besungen, so auch von Dimitris Mitropanos.

„Du leuchtest in rotem  Satin, dich umwickelt weißer, kräftiger Rauch der dich verschlingt. Auf nassen Pflastersteinen verbringst du die Nacht am Hoftor des käuflichen Paradieses.“

Dimitris Mitropanos – Ta Ladadika (Τα Λαδάδικα)

Bordelle, alte Seemanns-Spelunken reihen sich aneinander und zogen früher die Matrosen und Schaulustige, ganz wie auf St. Pauli, in ihren Bann. Die Gegend mit dem Namen „Ladadika“ ist heutzutage aber harmlos und beherbergt schöne Bars und gute Restaurants.  Ein Abstecher dorthin sollte bei jedem auf der Liste stehen. Ansonsten hat man Saloniki nicht gesehen.

Der nächste Tag war dann auch bei uns für Sightseeing eingeplant. Und dafür bietet Saloniki mehr als genug Gründe. Die Geschichte Salonikis reicht zurück bis in die Antike und in die Zeit von Alexander dem Großen. Thessaloniki liegt im Kerngebiet der griechischen Provinz Makedonien, welche in der Antike Heimat von Alexander und seinem Vater Philipp war. Von hier aus eroberte Alexander die damals bekannte Welt von Ägypten über den Iran bis nach Indien. Er vereinte die griechischen Stadtstaaten unter einen Banner und führte sie somit zur ersten hellenischen Staatengemeinschaft.  Im Laufe der nächsten Jahrhunderte wandelte sich das Bild der Stadt und sie wurde zu einem wichtigen Stütz- und Drehpunkt für Kreuzritter und gehörte im Anschluss zum großen Byzantinischen Imperium mit seiner Hauptstadt Konstantinopel (heute Istanbul). Mit der Eroberung durch die Osmanen fiel Thessaloniki unter türkische Herrschaft. Diese hielt bis zum ersten Weltkrieg mehr oder weniger an.

Aus der Zeit von Byzanz stammt der berühmte „Weiße Turm“ (gr. Lefkos Pyrgos). Die dazugehörige Befestigungsanlage gibt es heute leider nicht mehr. Im Inneren des Turms befindet sich ein Museum, welches die Geschichte des Turmes und der Stadt  Saloniki zeigt. Oben auf der Aussichtsplattform bietet sich einem ein schöner Rundum-Blick auf die Stadt und das Meer. In der Stadt selbst lassen sich die Bauten aus osmanischer Zeit, wie beispielsweise die klassischen Hamams (türk. Bäder), besuchen oder das Geburtshaus und das dazugehörige Museum des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk.

Thessaloniki bietet darüber hinaus natürlich noch weitere Museen und Kirchen des griechisch- orthodoxen Patriacharts, die teilweise bis in die frühchristliche Zeit zurück datiert sind. Die bekannteste Kirche ist dem Schutzheilgen der Stadt geweiht. Die Kirche des Agios Dimitrios (heiliger Demetrios) gehört zu den größten der Stadt und bewahrt im Inneren die Reliquien des Schutzpatrons auf.  Der Legende nach beschützte er christliche Glaubensbrüder vor der Verfolgung durch die Römer und wurde daraufhin ermordet. Zu Zeiten der Kreuzzüge soll es ihm zu verdanken sein, dass die Stadt diverse Angriffe und Belagerungen überstanden hat. Ihm zu Ehren wird am 26. Oktober ein Feiertag abgehalten mit großer Prozession.

Im Ortsteil Sykies oberhalb des Stadtzentrums gibt es eine Burg (Kastro) zu besichtigen und die Basilika des heiligen Paulus (Agios Pavlos). Von hier aus hat man einen einzigartigen Blick auf die gesamte Stadt, welche bei Nacht noch viel eindrucksvoller wirkt. Ein Restaurantbesuch am Abend mit Blick auf die Stadt und dazu frischen Fisch ist sehr zu empfehlen. “Wenn das nicht der Himmel ist, dann weiß ich es nicht“.

Nach dieser kleinen Exkursion durch die Vergangenheit der Stadt und ihre schönen Orte und Plätze geht unsere Reise weiter. Das geplante Ziel meines Urlaubs war weitestgehend eingehalten. Ich lag am Strand, ließ die Sonne meine Haut verfärben, gab mir ab und zu einen weiteren Anstrich mit Bräunungsöl Stufe 8 und fühlte mich wie ein Brathähnchen im Ofen. Apropos Brathähnchen. Wenn man sich zufällig mal nach Katerini verlaufen sollte, sollte man nicht verpassen, ein leckeres Hähnchen vom Grill bei Leonidas zu kaufen. Es ist zum Fingerlecken.

Da ich mein Sightseeing-Herz mit neuen Eindrücken gefüllt und schöne Abende in den Clubs verbracht hatte, stand nur noch eins auf meiner Liste, nämlich shoppen. Glücklicherweise war gerade „Summer Sale“ in Griechenland und das bedeutete Rabatte überall. Neben den Geschäften in der Stadt gibt es außerhalb der Stadt das riesige Einkaufszentrum „Cosmos“. Hier schlagen Shoppingherzen höher. Neben unzähligen Geschäften und Shops gibt es einen bombastischen Food Court, ein Kino und Bars. Ich bin schon in einigen Einkaufszentren gewesen, aber die Dimensionen hier haben so manches übertroffen. Auch was die Besucherzahl angeht und den Kampf um Parkplätze, habe ich nichts Vergleichbares gesehen. Die Szenen im Food Court und die verbissenen Kämpfe um einen Sitzplatz erinnern schnell an die Illustration der Hölle aus Dantes Göttlicher Komödie von Sandro Botticelli. Die Auswahl an Speisen ist aber, und das muss man ihnen lassen, sehr groß und vielseitig. Ähnliche Bilder gab es später auch in den Geschäften. Berge von Klamotten lagen wild übereinander gestapelt und Menschen griffen verzweifelt zu, auch wenn dies bedeutete, nicht seine eigene Größe erwischt zu haben. Viele der Besucher kamen den weiten Weg aus Serbien, Mazedonien und Bulgarien, um ein Schnäppchen zu machen. Die Verkäufer hatten alle Hände voll zu tun und konnten einem schon ein wenig leidtun.

Mit den Taschen voller Hosen, Shirts, Schuhen und Kleinkram ging es dann zurück zum Auto und nach Hause. In der Zwischenzeit wechselte ich auch meine Unterkunft und wohnte zusammen mit meiner Freundin bei ihrer Schwester. Mit einem eigenen Wagen versorgt, fuhren wir dann überall hin und konnten so auch einen Ausflug nach Chalkidiki machen. Diese Gegend östlich von Saloniki mit den „drei Füßen“ ist für alle Städter Rückzugsort und Badeparadies für die ganze Familie. Die Fahrt dorthin dauert je nach Ziel und Fuß (Landzunge) 30 Minuten bis 2 Stunden. Auch hierhin lohnt es sich definitiv zu fahren und den einen oder anderen Tag am Strand zu verbringen.

Wie es leider immer der Fall ist, ist auch der schönste Urlaub einmal vorbei. Meine und unsere letzten Tage waren angebrochen und während mein Bruder noch paar Wochen vor sich hatte, mussten meine Freundin und ich bald den Flieger in Richtung Heimat nehmen.

Mein letztes Ziel sollte der Stadtteil Toumba sein. Ich wollte mir endlich nach all den Jahren einen großen Wunsch erfüllen und das legendäre Stadion meines Lieblingsvereins  (neben dem 1.FC Köln natürlich) besuchen. Das Stadion ist nach dem gleichnamigen Stadtteil „Toumba“ benannt und als Hexenkessel im gesamten europäischen Fußball bekannt. Die Anhänger des Vereins sind an Herzblut, Fanatismus und Irrsinn kaum zu übertreffen.

 Oh PAOKARA ich hab den Wahnsinn in meinem Kopf […] Für dich würde ich sterben und nur für dich lebe ich […]

Auszug aus einem Fanlied

PAOK Saloniki ist neben Aris Saloniki einer der Vereine der Stadt und auch von den beiden genannten der erfolgreichere. Hierzu ein kleiner Exkurs in die Historie des Vereins. PAOK würde 1926 von griechischen Auswanderern, die einst in Konstantinopel gelebt hatten, gegründet. Das Wappen zeigt den Doppelkopf-Adler (Hauswappen des Bzyantischen Reiches), welcher, aus Trauer über den Verlust der Heimat, die Flügel angelegt hat. Die Farbe schwarz steht dementsprechend für die Trauer und Weiß für die Hoffnung.

Im Vergleich zum Rhein-Energie Stadion in Köln (49.000), verfügt Toumba nur über knapp 29.000 Sitzplätze. Das tut der Stimmung aber nicht weh. Wie ich selbst feststellen musste, gibt es am Stadion ein paar ungeschriebene Gesetze. Vor der Kurve der Ultras, dem sogenannten Gate 4, sollte man als Tourist vermeiden, Fotos zu knipsen. Ich selbst bin an einen Fan geraten, der das gar nicht so witzig fand  und mich nur aufgrund der Tatsache in Ruhe gelassen hat, dass ich 1. Grieche und 2. Paok Fan bin. Also aufpassen, worauf Ihr Eure Kamera richtet.

Nach 14 Tagen war es nun soweit. Am Flughafen von Saloniki angekommen, mussten wir uns von Saloniki wohl oder übel verabschieden.  „ΓΕΙΑ ΣΟΥ ΜΑΝΑ ΣΑΛΟΝΙΚΗ“. Gia sou bedeutet im Griechischen so viel wie Hallo oder auch Auf Wiedersehen, ähnlich wie Ciao im Italienischen. Es soll ein Auf Wiedersehen sein, auf dass ich bald zurückkehre in die Heimat. Trotz der Krise, die dieses wunderschöne Land erschüttert hat, bleiben die Menschen auf eine komische Weise gelassen und schauen hoffnungsvoll in die Zukunft, auf dass es bald besser wird.

„Leben ist Schwierigkeit. Nur der Tod ist es nicht. Leben heißt, den Gürtel festschnallen und Ausschau nach Schwierigkeiten zu halten.“ Aus dem Film Alexis Zorbas

Dieses Zitat spiegelt sehr gut die Mentalität der Griechen wieder. Es ist ein stolzes Volk, das die Freiheit und das Leben liebt. Und so leben, arbeiten und kämpfen die Einwohner in Saloniki weiter und geben nicht auf, nur weil es gerade nicht besonders gut läuft. Diese Stadt gibt einem viel und ist wie eine Mutter. Wenn Ihr also die Gelegenheit habt, dann besucht Saloniki und erlebt diese Freude und die Lebenslust der Menschen vor Ort selbst.

Marc-Philipp Spitz