„Brügge is n Scheiß-Kaff.“ „Ray, wir sind gerade erst aus dem Scheiß-Zug gestiegen! Könnten wir die Beurteilung von Brügge zurückstellen, bis wir den beschissenen Ort gesehen haben?“

[…] „Ich hab nicht mal gewusst wo dieses bescheuerte Brügge ist… Es ist in Belgien.“

Zitate aus dem Film: Brügge sehen und sterben.

In meinen neuesten Reisebericht nehme ich Euch mit, Ihr werdet es erraten haben, nach Brügge. Was veranlasst einen Menschen, in dieses „Kaff“ zu fahren. Mich hat der Film mit Collin Farrelll in der Hauptrolle dazu gebracht. Ich muss auch ehrlich gestehen, dass ich vor diesem Film Brügge, wenn überhaupt nur als Randnotiz wahrgenommen habe. Dieses cineastische Meisterwerk von 2008 jedoch zeigt neben der Story auch diesen wundervollen Ort als Gesamtkunstwerk.

Brügge ist seines Zeichens Hauptstadt und mit seinen 118.000 Einwohnern größte Stadt der belgischen Provinz Westflandern. Bereits zur Zeit des Römischen Imperiums war Brügge ein Siedlungsgebiet. Der rasante Aufstieg zu einer der wichtigsten europäischen Handelsmetropolen erfolgte vom 13.-15. Jahrhundert. Brügge war eine der wohlhabendsten Städte der damaligen Zeit. Durch den direkten Zugang zum Meer florierte der Handel in dieser Zeit und es wurden Waren aus aller Welt gehandelt. Das 1246 erbaute Kaufmannshaus der Familie Van der Beurze ist der Ursprung der uns heuten bekannten Börse. Bereits damals handelte man mit allen möglichen Gütern und feilschte um  jeden Taler. Der historische (mittelalterliche) Stadtkern wurde im Jahr 2000 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. 2002 war Brügge zudem „Europäische Kulturhauptstadt“.

Nun aber genug von historischen Fakten und Lobpreisungen – kommen wir zum eigentlichen Bericht. Es war Sonntagmorgen und nach einem kleinen Frühstück, zur Stärkung, stiegen meine Freundin und ich in mein Auto und fuhren los in Richtung Belgien. Die Fahrt nach Brügge dauert (von Brühl aus), je nach Verkehrslage, ungefähr 3 Stunden. Eine Fahrt mit der Bahn ist aber auch möglich und dauert nur unwesentlich länger. An diesem langen Wochenende, wegen des Feiertages am 03.10., waren uns die Straßen glücklicherweise sehr gewogen. Einmal durch die Niederlande und vorbei an Gent und Brüssel, erreichten wir Brügge auch wie geplant. Ziel der Fahrt war nicht etwa das Hotel, sondern erstmal ein geeignetes und freies Parkhaus zu finden. Unser Mittelklasse-Hotel bot diesen Service zwar an, aber für 30€ am Tag war uns das dann doch zu kostspielig. Nach Recherchen zu Hause entschieden wir uns für die öffentliche Variante für 8,50 € am Tag. Die Fahrt durch eine so alte Stadt mit ihren teils engen Gassen und kleinen Brücken war etwas anspruchsvoller und so führte auch nicht jeder Weg des Navis in die richtige Richtung.

Angekommen an Parkhaus Nummer eins standen wir vor geschlossenen Schranken. Das Parkhaus war leider schon voll. Nun wurde etwas improvisiert und auf gut Glück losgefahren. Auf dem Weg Richtung Hotel fuhr ich bald, ohne es zu merken, am nächsten Parkhaus vorbei. Im letzten Augenblick kam die gesehene Information in meinen Gehirnwindungen an und ich setzte zurück. Das Parkhaus war frei. Das Auto war nun sicher untergebracht und so ging es mit Sack und Pack in Richtung Hotel. Bereits der Weg dorthin ließ erahnen, wie der Rest der Stadt aussahen müsste. Ein Backsteinhaus reihte sich an das nächste und die Straßen waren mit dicken und alten Steinen gepflastert. Das Hotel lag nur wenige Meter vom Markt entfernt und war somit der perfekte Ausgangspunkt für eine Expedition durch Brügge. Nachdem wir unser Gepäck auf das Zimmer gebracht hatten, ging es auch schon los und der erste Stop hieß „Foltermuseum“. Der Eintritt betrug satte 8 Euro und leider gab es keinen Rabatt für Studenten. Das Museum selbst bot die vielfältigsten Folterinstrumente und Illustrationen der damaligen Praktiken, um „Geständnisse“ zu erzwingen, Leute zu bestrafen oder einfach nur, um auf grausame Art und Weise jemanden zu ermorden. Es war eine kleine Tour durch die Geschichte der Folterkunst, wenn man so will.

Als nächstes schlenderten wir die alten Straßen entlang über Brücken, enge Gassen und passierten die alten Gebäude, welche aber alle gut erhalten sind. Schließlich kamen wir am sogenannten Burg Platz an. Dort gibt es neben der wunderschönen Fassade des Rathauses und einem darin befindlichen Museum ein kleines bescheidenes Highlight der Stadt. Die Basilika des Heiligen Blutes beherbergt eine Reliquie, welche viele Besucher aus der ganzen Welt anzieht. Der Überlieferung nach brachte ein flämischer Ritter nach dem 2. Kreuzzug eine Phiole aus dem Heiligen Land mit. In dieser Phiole sollen sich einige Tropfen von Jesus Christus‘ Blut befinden. Seit 1291 wird diese heilige Reliquie immer an Christi Himmelfahrt bei der Heilig Blut Prozession durch die Stadt getragen. Nachdem man sich angestellt und eine kleine Spende hinterlassen hat, kann man seine Hände auf den Glaskasten legen in der sich die Phiole befindet. Der Eintritt in die Basilika ist umsonst.

Wenn man durch die Stadt schlendert, geht man unweigerlich über die ein oder andere Brücke. Von dort aus sieht man dann des Öfteren Boote mit Touristen, die die Wasserstraßen rund um Brügge für eine Rundfahrt benutzen. Die Fahrten dauern ca. 30min und lohnen sich, um die Stadt auch mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Unter Umständen muss man sich am Steg aber auf eine kleine Wartezeit einrichten.

Von den Kanälen kommen wir nun zu dem Wahrzeichen der Stadt. Der 83 Meter hohe Belfried ist der höchste Turm und das höchste Gebäude der Stadt. Im 13. Jahrhundert wurde der Turm in die ebenfalls zu diesem Zeitpunkt erbauten Markthallen am Grote Markt integriert. Er diente damals als Brandwache der Stadt. Wer ein höheres Gebäude sucht, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Bis heute darf nämlich kein Gebäude höher gebaut werden als der Belfried. Die Plattform mit dem imposanten Glockenspiel erreicht man nach 366 Stufen. Oben angekommen kann man die Stadt von allen Himmelsrichtungen betrachten. Der Eintritt beträgt 10 Euro und für Studenten bis 26 Jahre gibt es sogar ermäßigten Eintritt.

Ebenfalls auf dem Marktplatz zu finden ist das interaktive Museum „Historium Brugge“. Hier werden Besucher in die „Goldene Zeit“ von Brügge versetzt. Man begleitet seinen virtuellen Stadtführer Jakob einen Tag durch die Stadt und ist Teil einer romantischen Liebesgeschichte. Es geht durch sieben Räume, welche alle mehr oder weniger den Besucher in ihren Bann ziehen. Wie beispielsweise das Dampfbad, wo einem wunderbare Düfte in die Nase steigen. Zum Ende der Tour kann man sich noch ein Duvel Bier gönnen in der museumseigenen Bar. Ein Besuch lohnt sich, auch wenn es mit 13,50 Euro beziehungsweise 10 Euro für Studenten nicht allzu günstig ist.

Nach all diesen Museumsbesuchen wird man auch logischerweise irgendwann hungrig. Wir entschieden uns dazu, die typischen Köstlichkeiten Belgiens zu testen. Unsere erste Station war eine Frittenbude von 1900. Wie die meisten Bistros, Geschäfte und Restaurants, befinden sich eben jene in den alten Gebäuden der Stadt und wurden nur geringfügig modernisiert. Typisch belgische Pommes werden in Nierenfett frittiert und mit verschiedenen Saucen serviert. Wir entschieden uns für  Pommes und dazu die klassische Mayonnaise und Yuppie Sauce. „Mhmm, lecker…“. Daneben bietet Belgien natürlich noch andere Klassiker an. Die bekanntesten Schlagerartikel sind die berühmten belgischen Waffeln (mit oder ohne Belag/Füllung), Schokolade in allen Variationen und natürlich leckeres belgisches Bier. Eine Sache darf nicht vergessen werden. Belgier lieben Muscheln und dazu am liebsten einen Eimer Pommes. Diverse Restaurants bieten diese Spezialität in Form eines All-You-Can Eat Buffets an. Wer von diesen kulinarischen Bomben nicht genug bekommt, der darf sich freuen. Brügge bietet für jedes Produkt ein eigenes Museum.

Bei einem süffigen Bier schlossen wir dann die erste kleine Tour ab und entspannten in einem kleinen Pub. Am gleichen Abend ging es dann zum Abendessen. Die Auswahl an Restaurants ist riesig und bietet etwas für jeden Geschmack. Erneut nutzten wir das Internet, um uns bei unserer Wahl unterstützen zu lassen. Für ein günstiges Essen ist Brügge jedoch nicht ganz zu haben. Es gilt wie vielerorts: Außerhalb des Zentrums wird es wesentlich günstiger. Unsere Wahl fiel auf ein nettes kleines griechisches Restaurant bei uns um die Ecke. Gesättigt ging es nach einem kleinen Spaziergang  zurück zu unserem Hotel.

Der nächste Morgen startete dann recht früh, da wir bereits um 11:00 Uhr wieder auschecken mussten. Wir packten also wieder zusammen und ließen unsere Koffer am Empfang, um den Tag noch für eine letzte Erkundungstour zu nutzen. Bevor wir aber starteten, setzten wir uns in eines der Cafés auf dem Markt und frühstückten ordentlich. Unser Weg führte uns  anschließend südlich in Richtung Park. Es ist nicht irgendein Park, nein, es ist der Königinnen Astrid Park, welcher auch im Film thematisiert wurde. Berühmt berüchtigt für seine „Alkoven“, die es, anders als im Film gezeigt, gar nicht gibt. Alkoven sind kleine, enge Nischen/Winkel, die perfekt sein sollen, um sich zu verstecken. Ein wenig davon enttäuscht, dass die realität nicht ganz dem Film entsprach, genossen wir dennoch die schöne Grünanlage  und den Pavillon. Grundsätzlich solltet Ihr wissen, dass einige Szenen für den Film an die realen Schauplätze angelehnt, aber nicht direkt vor Ort gefilmt wurden.

Gerne wären wir noch ins Groeningemuseum gegangen, dieses hat nur leider montags geschlossen. So ging unser kleiner Trip allmählich auch dem Ende entgegen. Anders als am Vortag schien zum Abschluss nochmal die Sonne und ließ die Stadt in einem besonderen Licht erscheinen. Es kam mir ganz so vor, als wenn uns Brügge wohlwollend verabschieden würde, um uns für einen weiteren Ausflug einzuladen.

Auf dem Weg zum Parkhaus ging es noch schnell in den Supermarkt und, mit belgischen Köstlichkeiten beladen, zur Kasse. Auch wir wollten dieses besondere „Brügge Feeling“ noch etwas behalten. Wehmütig traten wir die Heimreise an und ließen die Eindrücke sacken.

Ob Brügge mich beeindruckt hat? Lassen wir nochmal Colin Farrell etwas dazu sagen:

„Wenn ich auf einem Bauernhof aufgewachsen und geistig zurückgeblieben wär, würde mich Brügge vielleicht beeindrucken, aber das bin ich nicht, also tut’s das nicht.“

Spaß beiseite. Brügge ist eine wunderschöne Stadt, die unfassbar viel zu erzählen hat und Dich in ihren Bann zieht. Brügge sehen… und immer wieder genießen.

Marc Spitz